Montag, 24. Juli 2017

Buch: Im Paradies des Alphabets - Die Entwicklung der lateinischen Schrift

Vorweg: Nach Klaus Grewes Aquädukte - Wasser für Roms Städte wird hier nun zum zweiten Mal ein Buch besprochen, dessen Autor/Herausgeber dem wissenschaftlichen Beirat der medial belobhudelten Mittelalterbaustelle Campus Galli (pro forma) angehört. 

Im Paradies des Alphabetes - Die Entwicklung der Lateinischen Schrift wurde von Cornel Dora - Stiftsbibliothekar des Klosters St. Gallen - herausgegeben. Es handelt sich hierbei um eine Begleitschrift zur gleichnamigen Ausstellung im Jahr 2017.

In verschiedenen Kapiteln wird anhand von handschriftlichen Beispielen aus der umfangreichen Stiftsbibliothek des Schweizer Klosters St. Gallen die Entwicklung der lateinischen Schrift von der Spätantike bis zum Spätmittelalter veranschaulicht (4.-15. Jh.). Man beginnt mit der sogenannten Capitalis quadrata und arbeitet sich bis zur Humanistischen Kursive vor. Darüber hinaus werden auch Sonderformen wie die eher verwirrend wirkende Ogham-Schrift und das angelsächsische Runen-Alphabet behandelt. Weiters enthält das Buch großformatige Musteralphabete, die vor allem für jene interessant sein dürften, die sich selbst in der Praxis mit Kalligraphie auseinandersetzen wollen.

Der Titel ist leider etwas überoptimistisch bzw. irreführend. Die Entwicklung der lateinischen Schrift beginnt nämlich nicht erst im 4. Jahrhundert. Über das Davor erfährt man hier aber kaum etwas. 
Der Einband dieses fadengebundenen, schön gestalteten Buchs ist aus einem Karton mit einer rauen, empfindlichen Oberfläche. Wenig überraschend musste ich bereits beim Auspacken an der rechten unteren Ecke eine Beschädigung feststellen (siehe Bild). Hier hat man nach meinem Dafürhalten an der falschen Stelle geknausert. Ein folierter Karton hätte, wenn überhaupt, nur ein paar Cent mehr gekostet. 

Fazit: Inhaltlich handelt es sich um ein weitestgehend gelungenes Buch, das besonders in Bezug auf die verschiedenen Varianten der lateinischen Schriften des Mittelalters einen anschaulichen und allgemein verständlichen Überblick bietet. Der Kaufpreis beträgt 25 Euronen.


Inhaltsverzeichnis:

Vorwort
Zur Einführung: Schreiben im Mittelalter
Antike und Spätantike
Vorkarolingische Vielfalt
Insulare Schriften
Karolingische Minuskel
Gotische Schriften nördlich der Alpen
Italienische Schriften in Spätmittelalter und Renaissance 
Skriptorium und Bibliothek auf dem St. Galler Klosterplan
Initiallkunst
Die Schriften der Urkunden
Musteralphabete 
Ogham
Anhang

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Weiterführende Informationen: 

Sonntag, 23. Juli 2017

Videos: Verborgener antiker Text -- Rätsel um Cheops-Kartusche

Verborgener antiker Text in altem Buch entdeckt | Spieldauer 2 Minuten | Youtube | Stream & Info
Weitere Infos finden sich auch in diesem deutschsprachigen Artikel (danke für den Hinweis)



Das Rätsel um die Cheops-Kartusche - Echt oder Fälschung? | Spieldauer 87 Minuten | Youtube | Stream & Info
Wer mit ungewöhnlichen geschichtswissenschaftlichen Thesen eher wenig am Hut hat, bitte nicht anschauen 😊


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Donnerstag, 20. Juli 2017

Krimskrams: Der infantile Rechtschreibguru vom Campus Galli -- Spannende Facebook-Vorschläge

Der infantile Rechtschreibguru vom Campus Galli 

Die in Baden-Württemberg beheimatete Mittelalterbaustelle Campus Galli ist ein beständiger Quell des unfreiwillig Komischen. Siehe etwa den folgenden Wortwechsel, der sich kürzlich unter einem Beitrag über den Bau einer eher sinnfreien Obstgartenmauer des Möchtegern-Klosters entspann (zum Vergrößern auf das Bild klicken).

Zum Vergrößern auf das Bild klicken | Quelle: Campus-Galli.de

Hinter dem Pseudonym "Campus Galli" verbirgt sich Hannes Napierala, der Geschäftsführer des Projekts, wie ein kurzer Blick in den Quelltext der Seite zeigt (comment byuser comment-author-hannes). Diese überempfindliche Mimose erschnüffelt im obigen Kommentar also (Mikro-)Aggressionen ...
Aber mehr noch: Wie ein Zwölfjähriger reibt er der Kommentatorin einen winzigen Tippfehler unter die Nase, um sie öffentlich bloßzustellen. Peinlich!
Den Vogel schießt Herr Napierala freilich ab, indem er selbst umgehend einen Fehler produziert - und zwar ausgerechnet in jenem letzten Satz, in dem er über die Rechtschreibung seines Gegenüber herzieht. Das Anredepronomen "Ihrer" wird nämlich groß - und nicht etwa klein - geschrieben. 😊

Irgendetwas von "Versteinerung der Architektur veranschaulichen" blubbert der selbsternannte Rechtschreibguru dann noch. Versteinert ist allerhöchstens sein Oberstübchen, wenn er ernsthaft glaubt, dieses hohle Sprachartistik würde nicht umgehend durchschaut werden. Aber Hannes Napierala kann es eben nicht lassen: Anstatt kurz und offen einzugestehen, dass beim Campus Galli das momentane Handwerkerangebot nicht mit den vorhandenen Fähigkeiten, Geldmitteln und Plänen konform geht, fühlt sich dieser notorische Dampfplauderer bemüßigt, zusätzlich eine pseudowissenschaftliche Rechtfertigung nachzuschieben.
Um die "Beschaffung der Rohmaterialien" ginge es beim Bau der Obstgartenmauer, behauptet er - und erweckt gezielt den Eindruck, als handle es sich um ein ausgetüfteltes, vielgliedriges wissenschaftliches Experiment. Lachhaft, werden die verbauten Steine doch gar nicht von den Mitarbeitern des Projekts aus ihren Lagerstätten gebrochen, sondern einfach per LKW aus einem benachbarten Steinbruch angeliefert!
Im Übrigen konnte man beim Campus Galli bereits mit dem Fundament der Holzkirche und dem dazugehörenden Altar ausgiebig Erfahrungen im Steinbau sammeln. Auch das hat dieser auf Halbwahrheiten spezialisierte Schmähtandler wohlweislich verschwiegen.
Und überhaupt: Was wäre wohl aus dem - im Gegensatz zum Campus Galli - finanziell erfolgreichen Burgbau-Projekt Guédelon geworden, wenn sich die Verantwortlichen dort selbst nach rund fünf Jahren (so lange existiert der Campus Galli schon) noch immer nicht die nötigen Kenntnisse im Bauen mit Steinen erarbeitet hätten?

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Spannende Facebook-Vorschläge: "Personen, die du kennen könntest"



Schön wärs 😄

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Mittwoch, 19. Juli 2017

Zeitschrift "Bayerische Archäologie": Der Schatz von Bernstorf und ein interessantes römisches Kettenhemd

Viermal jährlich erscheint im Verlag Friedrich Pustet die Zeitschrift Bayerische Archäologie. Die einzelnen Ausgaben haben unterschiedliche Schwerpunkte, enthalten daneben aber auch noch Artikel zu weiteren Themen. 

Im aktuellen Heft mit dem Titel Von den Römern zu den Bajuwaren widmet man sich unter anderem dem "Bernstorf-Drama"; gemeint ist hier der immer wieder durch die Medien geisternde bronzezeitliche Goldschatz, über dessen Echtheit große Uneinigkeit herrscht. Jene Fachleute, welche den Schatz für authentisch befinden, veröffentlichten kürzlich ein Buch (ISBN 978-3-927806-43-6), in dem sie ihre Ansichten verteidigen. Der Artikelautor von Bayerische Archäologie neigt nach der Lektüre eben dieses Buches dazu, den Bernstorf-Verteidigern zuzustimmen und erläutert im Detail und allgemein verständlich seine Gründe dafür. Nun wäre allerdings abzuwarten, wie die Gegenseite auf die oben erwähnte Bernstorf-Publikation reagieren wird.
Abseits der Frage, ob der Schatz echt oder eine Fälschung ist, wird überdies auf Aspekte zum Fundort hingewiesen, die bei der mitunter recht aufgeregten Diskussion zumeist unter den Tisch fallen: Große Teile der bronzezeitlichen Anlage in Bernstorf wurden zwecks Erschließung eines Kiesvorkommens undokumentiert weggebaggert, wobei Bauarbeiter mehrfach nun verschollene Bronzeartefakte beobachteten. Das Bayerische Amt für Denkmalpflege habe die Bedeutung der Fundstätte lange Zeit völlig unterschätzt und soll überdies engagierten Laien vor Ort, die sich für Erhalt sowie Erforschung des Bodendenkmals stark machten, Steine in den Weg gelegt haben. Weiter heißt es:

Dass Laien, wenn sie bedeutende Funde machen, häufig von professionellen Archäologen misstrauisch beäugt werden, und dabei auch Neid gegen die nicht vom Fach Seienden eine Rolle spielt (besonders wenn es eine starke mediale Aufmerksamkeit gibt), ist ein wohl nicht abzustreitendes Phänomen.


Der Autor eines anderen Beitrages beschäftigt sich mit der Geschichte des Legionslagers der 3. Italischen Legion in Regensburg (Castra Regina). Ziemlich interessant fand ich in diesem Zusammenhang die Rekonstruktionszeichnung eines römischen Soldaten aus der 1. Hälfte des 3. Jahrhunderts nach Christus, der u.a. mit Funden aus Regensburg und Eining ausgerüstet ist. Zuerst dachte ich, der Mann trägt eine karierte Tunika; erst auf den zweiten Blick erkannte ich, dass es ein Kettenhemd ist, dessen rechteckige Grundmodule aus Eisen/Stahl mit Bronzeringen zusammengeheftet wurden. Diese außergewöhnliche Bauform habe ich bisher glaube ich noch nirgendwo sonst gesehen. 



Ins Grübeln brachte mich die Ankündigung zu einer Lehrgrabung im kommenden August in Altenerding. Mindestdauer eine Woche, Kosten 100 € (NICHT inkludiert sind hier Übernachtung und Essen). 
Bezahlen für einen mitunter körperlich anstrengenden Hiwi-Job? Sollten die Verantwortlichen nicht stattdessen jedem die Füße küssen, der seinen Sommerurlaub opfert und seine Arbeitskraft kostenlos in den Dienst der Wissenschaft stellt? 
Das Thema hatte übrigens auch schon ein Leser unter meinem Interview mit dem Archäologen Raimund Karl recht kritisch angesprochen.

Fazit: Überwiegend interessanter, abwechslungsreicher Lesestoff. Der Kaufpreis beträgt knapp 9 Euro.

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Dienstag, 18. Juli 2017

Videos: Archäologische Ausgrabungen in Nürnberg ärgern Anwohner -- Papyri -- Historischer Fechter -- usw.



Archäologische Ausgrabungen ärgern Anwohner | Spieldauer 2 Minuten | BR | Stream & Info
Archäologen beklagen sich zwar gerne darüber, dass sie ihrer Arbeit z.T. unter nahezu prekären Verhältnissen nachkommen müssen, aber dass ihr Verdienst nicht einmal mehr für einen ordentlichen Hut reicht, kann ich mir nicht vorstellen 😆
Sehr gut ist auch der Auftritt der alten Frau bei 00:36 Min 😂

Campus TALKS: Wie Papyri zeigen können, was Griechen und Römer uns nicht wissen ließen | Spieldauer 14 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

Carsten Belz: Historischer Fechter | Spieldauer 4 Minuten | RB | Stream & Info
Man bewegt sich im 16. Jahrhundert, die legendäre Schamkapsel darf da natürlich nicht fehlen!

Martina Egler: Das alte Leben fürs Mittelalter aufgegeben | Spieldauer 4 Minuten | SWR | Stream & Info
So oder so ähnlich hat es im Mittelalter ausgesehen, meint die Stimme aus dem Off zu den gezeigten Bildern. Nein, weder so noch so ähnlich.

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Montag, 17. Juli 2017

Hörbares: Der Streit um die Ethik im Denkmalschutz -- Denkmalschutz in Hessen läuft Amok -- Indiana Jones und Archäologen im Film -- Elfenbeinschnitzereien der Vorgeschichte -- Römische Töpferwerkstätten



Streit um Grabungsstopp im UNESCO-Welterbe Grube Messel | Spieldauer 5 Minuten | DF | Direkter Download
Der präpotente Beamtenapparat des hessischen Landesamts für Denkmalpflege läuft, besoffen von seinen Machtbefugnissen, gerade Amok und sperrt unzählige Fossiliensucher und Wissenschaftler quasi von einem Tag auf den anderen aus der stillgelegten Ölschiefergrube Messel aus; zum Schaden des Wissenschaftstandorts Deutschland. Blödheit hat viele Erscheinungsformen, das ist eine davon.

„Unverantwortlich, gar unmoralisch?“ - Der Streit um die Ethik im Denkmalschutz | Spieldauer 45 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download

Elfenbeinschnitzereien der Vorgeschichte von der Alb | Spieldauer 15 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download

Ausgrabungen in der Eifel: Römische Töpferwerkstätten | Spieldauer 5 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download

Indiana Jones wird 75: Archäologen im Film | Spieldauer 7 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download
Ein nicht uninteressantes Thema. Kürzlich bin ich nämlich zufällig über eine deutsche Seifenoper gestolpert (wie die heißt, habe ich vergessen) in der es am Rande irgendwie auch um Archäologie geht. Allerdings musste ich schon schmunzeln, wie da die Schauspieler hölzern ein bisschen Archäologenvokabular austauschten. Immerhin, man scheint jemanden vom Fach als Berater eingestellt zu haben.

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Sonntag, 16. Juli 2017

Buch: Der Triumph - Siegesfeiern im antiken Rom

Triumphzüge gehören bis in unsere Gegenwart zu den bekanntesten Aspekten der römischen Antike. Doch wo liegen ihre historischen Ursprünge? Wie darf man sich den Ablauf dieser von Zeitzeugen als bombastisch beschriebenen religiös-militärischen Siegesfeiern vorstellen? Und was erzählen uns die Darstellungen auf Triumph- bzw. Ehrenbögen - wie beispielsweise jenen des Titus und Septimius Severus?
Diesen und weiteren Fragen geht Ritchie Pogorzelski in seinem Buch Der Triumph - Siegesfeiern im Antiken Rom - Ihre Dokumentation auf Ehrenbögen in Farbe mit viel Liebe zum Detail nach. Dabei zitiert der Autor ausgiebig antike Geschichtsschreiber wie Plutarch, Cassius Dio, Sueton usw.
Besonders hervorzuheben ist der Umstand, dass die erörterten Reliefdarstellungen der im Buch behandelten Bauten eingefärbt wurden (siehe Cover). Erst durch diese wichtige Annäherung an die antiken Originale werden  die dargestellten Szenen in vollem Umfang verständlich.
Sinnvollerweise beschreibt Ritchie Pogorzelski in Grundzügen auch gleich jene naturwissenschaftlichen Methoden, die bei der Suche nach mikroskopisch kleinen Farbanhaftungen auf antiken Bau- und Bildwerken zum Einsatz kommen. Weiters wird kurz die entsprechende Forschungsgeschichte betrachtet - ein wichtiger Punkt, da hierdurch ersichtlich wird, warum lange Zeit die irrige Meinung vorherrschte, die antike Architektur sei - von Wandmalereien abgesehen - vergleichsweise farblos gewesen; und das obwohl der Forschung doch bereits früh bekannt war, dass aus überlieferten Schriftzeugnissen klar hervorgeht, wie wenig Anklang etwa blanke Marmorstatuen in der Antike fanden.
Nach dem Betrachten der vielen farbenfrohen Abbildungen in diesem Buch dürften die meisten Leser sehr ähnliche Empfindungen.

Fazit: Eine ausführliche, äußerst detailreiche und auch für Laien leicht verständliche Monographie. Der Kaufpreis beträgt 29 Euro.


Inhaltsverzeichnis (gekürzt)

Einleitung
Der Einsatz von Farbe in der Kunst
Der römische Triumph
- Herkunft
- Beschreibung von Triumphzügen
- Der Triumphator
- Die Entwicklung
- Organisation
- Der Weg des Triumphzuges
- Das Opfer
- Die Kriegsbeute
Außerordenltiche Feiern
- triumphus in Monte Albano
- Die ovatio
- Der Seetriumph
- Die ornamenta triumphalia
- Triumphähnliche Prozessionen
Der Ehrenbogen / Triumphbogen
- Der Augustusbogen in Susa
- Der Stadtgründungsbogen in Orange
- Der Titusbogen in Rom
- Der Traiansbogen in Benevent
- Der Bogen des Hadrian?
- Der Bogen des Marcus Aurelius in Rom
- Der Septimius-Severus-Bogen in Rom
- Der Septimius-Severus-Bogen in Leptis Mgana
- Die Valle Medici- und Valle Capranica-Reliefs
- Der Galierusbogen in Thessaloniki
- Der Konstantinsbogen in Rom
Schlussbetrachtung - Pietät und politische Propaganda
Glossar
Literatur
Abbildungsnachweis

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Mittwoch, 12. Juli 2017

Krimskrams: Die prekäre Museumspädagogik des Campus Galli -- 'Kugelsichere' Westen in der Antike

Die prekäre Museumspädagogik des Campus Galli 

Schüler bastelten im Unterricht zusammen mit ihrer Religionslehrerin ein Modell des auf dem sogenannten St. Galler Klosterplan dargestellten Klosters und übergaben es dem Töpfer der Mittelalterbaustelle Campus Galli, berichtet der Südkurier: Klick mich

So weit, so langweilig. Interessanter sind da schon die Auskünfte, die besagter Töpfer den Schülern bei ihrem Besucht erteilt haben soll. Der Klosterplan von St. Gallen, der ja mehr oder weniger als Vorlage für den Campus Galli dient, sei ein "Idealplan" gewesen, der auf genau diese Weise nie umgesetzt wurde.
Ein Idealplan, ach wirklich? Und warum schreibt dann ausgerechnet der 'Hüter' besagten Plans, der St. Galler Stiftsbibliothekar Cornel Dora - welcher übrigens im wissenschaftlichen Beirat des Campus Galli sitzt - in seiner Publikation Im Paradies des Alphabetes folgendes?

Bis heute bleibt offen, ob der Plan tatsächlich als Bauzeichnung gedacht war oder doch eher nur ein Konzept oder gar nur als eine Art Spiel [...]. Klar ist hingegen, dass er nicht die Kopie eines Idealplans war. Dafür sind zu viele Korrekturen und direkte Bezüge zu St. Gallen sichtbar. Es handelt sich um eine spezifisch für St. Gallen angefertigte Architekturzeichnung mit Konzeptcharakter.

Dora gibt übrigens als Quelle für seine Aussage eine Publikation von Barbara Schedl aus dem Jahr 2014 an. Lustigerweise sitzt auch Frau Schedl im wissenschaftlichen Beirat des Campus Galli. Demnach darf eigentlich zwingend davon ausgegangen werden, dass den Verantwortlichen bekannt ist, dass der St. Galler Klosterplan nach aktuellem Forschungsstand ausdrücklich nicht mehr als Idealplan betrachtet wird.
Die offensichtliche Unwissenheit des Campus-Galli-Töpfers ist daher mehr als nur befremdlich. Noch dazu handelt es sich bei dem Herren um einen gelernten Mittelalterarchäologen. Was für ein Armutszeugnis also, dass ausgerechnet er den kindlichen Besuchern grob falsche bzw. überholte Informationen vorsetzt. Dieses Beispiel verdeutlicht freilich zum wiederholten Mal, wie prekär es um die Museumspädagogik dieses schludrig umgesetzten Projekts nach wie vor bestellt ist. 

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'Kugelsichere' Westen in der Antike - oder: Der erstaunliche Brustpanzer des Demetrios Poliorketes

Demetrios Poliorketes - was soviel wie "Demetrios der Städtebelagerer" heißt (vielleicht eine Anspielung auf Zeus, der als Beschützer der Städte galt) war sicher einer der interessantesten Diadochen-Herrscher. Zeit seines Lebens führte er mit wechselndem Erfolg Krieg und eroberte sich nicht zuletzt wegen seinen gewaltigen Kriegsmaschinen einen Platz in der Geschichte.
Weniger bekannt, aber mindestens ebenso interessant ist eine Überlieferung Plutarchs, wonach Demetrios einen erstaunlichen Brustpanzer besessen haben soll, der quasi das antike Äquivalent zu einer modernen kugelsicheren Weste darstellte:

Für diesen Krieg (Anm.: gegen Rhodos) wurden ihm zwei eiserne Panzer aus Kypros geschickt, jeder vierzig Minen schwer (Anm.: rund 17 kg). Um Stärke und Festigkeit zu beweisen, ließ der Hersteller Zoilos aus 20 Metern Entfernung einen Katapultpfeil auf den Panzer abschießen, der dabei unverletzt blieb, von einer leichten Schramme abgesehen, wie von einem Schreibgriffel.
Diesen Panzer trug Demetrios selbst, den anderen der Epirot Alkimos, einer der stärksten und waffentüchtigsten seiner Leute, der alleine eine zwei Talente schwere Rüstung trug (Anm.: ca. 52 kg), während die aller anderen ein Talent wog.
Plutarch, Demetrios 21

Es handelt sich hier wohl um Glockenpanzer (Harnisch, Brustpanzer), die mittels spezieller Wärmebehandlung gehärtet worden waren. Dass Plutarch die Widerstandskraft dieser Rüstung eine Erwähnung wert ist, deutet darauf hin, dass es sich hierbei um etwas ganz besonderes handelte. Der Hersteller könnte demnach seiner Zeit schmiedetechnisch deutlich voraus gewesen sein.

Mir persönlich sind Brustpanzer aus dem 16. Jh. bekannt, die tatsächlich in der Lage waren, eine Musketenkugel aufzuhalten; das Plattner-Handerwerk hatte zu dieser Zeit seinen Höhepunkt erreicht. Ich weiß allerdings nicht, inwieweit eine Musketenkugel mit einem "Katapultpfeil" (Bolzen aus einem Torsionsgeschütz?) vergleichbar ist. Die Angaben von Plutarch sind hier einfach zu dürftig. 

Hörbares: Löwenmenschen und Mammutflöten -- Höhlenmalerei in Altamira -- Christoph Kolumbus -- Phönix, Einhorn und Co

Kunst und Musik im Aurignacien - Von Löwenmenschen und Mammutflöten | Spieldauer 23 Minuten | BR | Direkter Download

Zeichen aus der Steinzeit - Höhlenmalerei in Altamira | Spieldauer 23 Minuten | BR | Direkter Download

Christoph Kolumbus - Eine Seefahrt verändert die Welt | Spieldauer 22 Minuten | BR | Direkter Download

Phönix, Einhorn und Co. - Vom Leben der Fabeltiere | Spieldauer 22 Minuten | BR | Direkter Download

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Dienstag, 11. Juli 2017

Ab urbe condita, 29. Buch: Der 2. Punische Krieg geht in seine Endphase

Der antike Autor Titus Livius schildert in den Büchern 21 bis 30 den 2. Punischen Krieg (218 - 201 v. Chr.) zwischen Rom und Karthago. Das vorliegende 29. Buch umfasst den Zeitraum von 204 - 205 v. Chr. Zu den zentralen Geschehnissen zählen hier u.a. die Vorbereitungen des Scipio Africanus für seine Invasion des karthagischen Kernlandes in Nordafrika, die skandalösen Vorgänge in der zu Rom übergelaufenen Stadt Locri, die Überfahrt des Scipio Africanus nach Afrika mit einer großen Flotte sowie seine ersten militärischen Aktionen gegen die Stadt Karthago und ihre Verbündeten.
Hannibal hat seinen Zenit längst überschritten und es wird deutlich, dass er sich in der nun eintretenden Endphase des Krieges zunehmend gezwungen sieht, auf die Schachzüge Roms zu reagieren, anstatt selbst die Initiative ergreifen zu können. 

Wie man es von Livius kennt, neigt er dazu, die römische Sichtweise zu vertreten, allerdings scheut er auch nicht davor zurück, seinesgleichen scharf zu kritisieren; etwa im Fall des Legaten Pleminius, der in Locri (Calabrien) mit äußerster Brutalität gegen die eigentlich romfreundlichen Einwohner vorging - was nicht nur zu einem Aufstand unter einigen seiner Offiziere und Soldaten führte, sondern auch in Rom selbst politischen Ärger heraufbeschwor, da der direkte Vorgesetzte des Pleminius, Scipio Africanus, durch seine relative Untätigkeit in Bezug auf diesen Skandal politischen Gegnern eine Möglichkeit gab, gegen ihn selbst vorzugehen (siehe meinen Blogbeitrag dazu). Es hat scheinbar nicht viel gefehlt, und der begabte Militär Scipio wäre seines Kommandos enthoben worden, was den weiteren Verlauf des Krieges sehr zu Ungunsten Roms hätte beeinflussen können. Doch es kam nicht dazu und Hannibal wurde in der Schlacht bei Zama von Scipio besiegt. Diese Ereignisse werden jedoch erst im 30. Buch geschildert, das mittlerweile auch schon erhältlich ist.

Die Übersetzung stammt von Ursula Blank-Sangmeister, welche es sehr gut versteht, den alten lateinischen Text in ein allgemein verständliches und angenehm zu lesendes Deutsch zu übertragen. Neben dem modernen Schreibstil sind auch die unzähligen erklärenden Endnoten positiv hervorzuheben. Besonders nützlich erscheint mir außerdem die Inhaltsübersicht, in der die wichtigsten Ereignisse chronologisch bzw. nach Kapiteln geordnet zu finden sind. 

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Montag, 10. Juli 2017

PDF: Germanische Kriegerinnen? Leider nein.

Vielleicht erinnern sich einige Leser noch an den Versuch seitens neofeministisch angehauchter Archäologen und Innen, einige germanische/bajuwarische Bestattungen in Richtung eines weiblichen Kriegertums im merowingerzeitlichen Mittelalter zu interpretieren. Eine der Vertreterinnen dieser These hat mittlerweile eingeräumt, dass dem doch nicht so ist (ich habe darauf bereits in meinem Beitrag Feministische Archäologie: In Östrogen gegossenes Wunschdenken hingewiesen). 

Nun hat mich ein Leser freundlicherweise auf eine aktuelle Arbeit aufmerksam gemacht, in der das Thema von den angeblichen germanischen Kriegerinnen ebenfalls behandelt wird; auch hier bestätigt sich, dass ein regelrechtes weibliches Kriegertum im Frühmittelalter nicht belegt werden kann: Klick mich

Zitat:
Normalerweise wurden Individuen im frühen Mittelalter mit geschlechtsspezifischen Beigaben bestattet, so werden Männer und Jungen häufig mit Waffenbeigaben, Frauen und Mädchen meist mit Schmuckbeigaben bestattet (BRATHER, 2008, GÄRTNER, 2013). In der Regel können die Bestatteten dabei auch über ihre Beigaben relativ sicher geschlechtsbestimmt werden (Anm.: Eine Tatsache, mit der manch Neofeministin absolut keine Freude hat - siehe mein Beitrag zur feministischen Archäologie). In dieser Beigabensitte ist wohl auch die klassische Rollenverteilung der beiden Geschlechter im Frühmittelalter widergespiegelt. Während Männer physisch anstrengende Arbeiten verrichteten, Handel trieben, Krieg führten und politische sowie Rechtsgeschäfte tätigten, war es Frauen vorbehalten, zu heiraten, Kinder zu bekommen und sich um Haus, Hof und die Familie zu kümmern (BITEL, 2002). Dennoch gibt es immer wieder Fälle, in denen sich die archäologische und die anthropologische Geschlechtsbestimmung widersprechen (GÄRTNER, 2013, GÄRTNER ET AL., 2014, HAAS-GEBHARD, 2013). In vielen Fällen handelt es sich dabei um Frauen, die mit Waffenausrüstung bestattet wurden und damit Anlass zur Postulierung frühmittelalterlicher „Amazonen“ gegeben haben (z. B. GÄRTNER, 2012, SCHNEIDER, 2008). Ein Absatz der Lex Baiuvariorum, der das Strafmaß für den Angriff auf eine Frau verringert, wenn diese selbst zur Waffe greift, wird häufig auch dahingehend gewertet, dass (bajuwarische) Frauen durchaus als „Kriegerinnen“ fungiert haben könnten, wenngleich vermutlich nur in Familienfehden und nicht in kriegerischen Auseinandersetzungen mit anderen Stämmen (HAAS-GEBHARD, 2013). Befeuert wurde diese Diskussion zusätzlich durch eine mittlerweile widerlegte molekulare Geschlechtsbestimmung einer vermeintlichen Frau, die in Niederstotzingen zusammen mit 2 Männern in Rüstung begraben wurde (WAHL ET AL., 2014, ZELLER, 2000). 
[...] In der vorliegenden Arbeit wurden Bestattungsphänomene, die regelmäßig auf frühmittelalterlichen Reihengräberfeldern angetroffen werden können, aus einer molekularbiologischen Sicht untersucht und beurteilt. Zu diesen Phänomenen zählen neben den sogenannten „Amazonen“, also Frauen, die in Waffenausrüstung bestattet wurden, auch Mehrfachbestattungen in allen denkbaren Variationen. [...]. Durch die erneute Untersuchung von Frauen in Waffen konnte gezeigt werden, dass es diese Art der Bestattung nicht gab, wie auch die übrigen Bestattungen, deren Geschlechtszuweisung von anthropologischer und archäologischer Seite widersprüchlich war (IMMLER, 2013, GÄRTNER ET AL., 2014). [...]. Vor allem vermeintlich spektakuläre Ergebnisse bedürfen hier immer einer unabhängigen Reproduktion, Anwendung verschiedener Verfahren und kritischen Betrachtung, wie der ursprüngliche Fall einer vermeintlichen Amazone aus Niederstotzingen (WAHL ET AL., 2014, ZELLER, 2000) zeigt.  
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Sonntag, 9. Juli 2017

Römisches Landgut zu verkaufen



Es erscheint uns heute ja schon ein wenig verwunderlich, dass der Grundbesitz der römischen Oberschicht oft außerordentlich weit verstreut lag. Beispielsweise ist bekannt, dass Cicero über Landgüter bei Arpinum, Tusculum, Pompeji, Cumae usw. verfügte. Wollte er nach dem Rechten sehen, musste er oft tage- oder gar wochenlange Reisen in Kauf nehmen, um von einer Villa rustica zur nächsten zu gelangen. Warum also konzentrierten Cicero und viele seiner wohlhabenden Standesgenossen ihren Besitz nicht nach Möglichkeit an ein bis zwei zentralen Orten? 
Eine Antwort auf diese Frage liefert Plinius der Jüngere. In einem aufschlussreichen Brief an seinen Jugendfreund und 'Finanzberater' Calvisius Rufus berichtet er von der Möglichkeit, für drei Millionen Sesterzen ein stattliches Landgut zu erwerben, das sich in direkter Nachbarschaft zu seinem eigenen befindet. Doch er ist unsicher, ob ein Kauf klug wäre:

[...] An ihm (Anm.: dem zum Verkauf stehenden Landgut) reizt mich vieles; anderes - und zwar nicht weniger Wichtiges - schreckt mich ab.
Es reizt das schöne Gefühl, meine Ländereien abzurunden; dann - was ebenso nützlich wie angenehm ist - beide mit der selben Mühe und demselben Reisegeld zu besuchen, beide unter demselben Oberaufseher und beinahe demselben Verwalter zu haben, das eine Landhaus zu bewohnen und auszuschmücken, das andere nur zu unterhalten.
In dieser Rechnung sind auch die Kosten für das Geschirr, für Hausmeister, Gärtner, Handwerker und auch für das Jagdgerät; es kommt sehr darauf an, ob man dies alles an einem Ort beisammen hat oder auf verschiedene verteilt.
Andererseits fürchte ich, es könnte unbesonnen sein, einen so großen Besitz denselben Witterungsbedingungen und Zufällen auszusetzen; es erscheint sicherer, der Unbeständigkeit des Schicksals durch unterschiedliche Örtlichkeiten der Güter zu begegnen.
Auch ein Wechsel von Landschaft und Klima sowie gerade das Hin- und Herreisen zwischen den eigenen Gütern ist mit viel Annehmlichkeiten verbunden. [...]. Plinius, Epiustulae, 3. Buch, 19. Brief)

Fassen wir abschließend kurz zusammen, was nach Ansicht des Plinius für bzw. gegen die Konzentration von Landbesitz spricht.

Pro: 
  • Weniger Reisekosten und Mühen (geringerer Zeitaufwand beim Inspizieren der Besitzungen)
  • Ersparnisse in Form geringerer Unterhaltskosten für Gebäude, Personal und Gerätschaften
Kontra:

  • Dieselben Witterungsbedinugungen und somit fehlende Risikostreuung. Selbst nur lokal auftretende Unwetter oder Trockenheiten konnten sich vergleichsweise stark auf die Gesamteinnahmen auswirken, wenn Landbesitz allzu stark an nur wenigen Orten konzentriert wurde (auch Kriege oder Sklavenaufstände zählten selbstverständlich zu den Risiken - vor allem zur Zeit der späten Republik)
  • Wer (z.B. beruflich) viel in Italien umherreisen musste, konnte nicht die Annehmlichkeiten nutzen, die eigene weit verstreute Güter boten; man war in diesem Fall auf wanzenverseuchte Herbergen angewiesen. Bestenfalls bestand noch die Möglichkeit, bei Freunden oder Verwandten unterzukommen (Stichwort hospitium) - wobei auch hier gilt: Je verstreuter deren Besitzungen waren, umso eher bekam man die Gelegenheit, sie als Nachtquartier zu nutzen.
  • Keine der jeweiligen Jahreszeit (oder sonstigen Bedürfnissen) entsprechende Auswahl an geeigneten Örtlichkeiten zum Urlauben und Entspannen. Viele wohlhabenden Römer zogen nämlich im Sommer in die Berge (wie auch heute noch der Papst), während man im Frühjahr und Herbst gerne Zeit am Meer verbrachte; besonders beliebt war hierbei der Golf von Neapel mit den Orten Baiae, Herculaneum, Pompeji, Oplontis usw.

Übrigens: Ob Plinius der Jüngere das besagte Landgut schlussendlich gekauft hat, ist leider nicht überliefert.

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Weiterführende Literatur:


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