Montag, 25. September 2017

Videos: Neue Indizien zur Varusschlacht in Kalkriese -- Wikingersiedlung Haithabu -- Das 3000 Jahre alte Schlachtfeld Tollensetal




Neue Indizien zur Varusschlacht: Römische Wallanlage bei Kalkriese gefunden | Spieldauer 01:27 Minuten | NDR | Stream und Info
Hinweis: Diese Grabungen werden von Leuten finanziert und durchgeführt, die überwiegend kein Interesse daran haben, dass die Varusschlacht eventuell nicht in Kalkriese stattgefunden hat, wie es ja gar nicht einmal so wenige Wissenschaftler in Erwägung ziehen. Wehe, die Gegner der Kalkriese-These liegen richtig, dann wäre das vor sich hin rostende Museum vor Ort eine immense Fehlinvestition, denn schließlich lebt es vom Mythos, Arminius und Varus hätten sich in Kalkriese geprügelt - und keinesfalls irgendwo anders! 😊

Erfolgreiche archäologische Spurensuche in der Wikingersiedlung Haithabu | Spieldauer 3 Minuten | NDR | Stream und Info

3.000 Jahre Geschichte ausgraben - Doku über das bronzezeitliche Schlachtfeld im Tollensetal | Spieldauer 29 Minuten | NDR | Stream und Info
Sehr schön, wie das Thal heute ausschaut: Den Horizont bedeckt ein dichter Wald von Windgeneratoren. Die Menschen der Bronzezeit würde vermutlich der Schlag treffen.

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Sonntag, 24. September 2017

Krimskrams: Vom Campus Galli auf Facebook gesperrt (*LOL*) -- Fauler (Fake-)Rezensent bei Amazon



Kritik an Junk-Living-History: Vom Campus Galli auf Facebook gesperrt 

Die Mittelalterbaustelle Campus Galli hat wieder einmal zugeschlagen: Sowohl auf der Projekt-Homepage wie auch bei Facebook bezeichneten die Verantwortlichen eine Veranstaltung, bei der nachfolgendes Foto geschossen wurde, wortwörtlich als "Living History" und verwiesen überdies ausdrücklich auf die angebliche Kompetenz der Darsteller: Foto

Im Angesiecht der Schuhe, die der Herr in der Mitte des Fotos trägt, kann man eigentlich nur darüber lachen, wenn hier hochtrabend mit Begriffen wie "Living History" hantiert wird. Und gelacht bzw. diesen Käse kritisiert haben dann auch tatsächlich mehrere Beobachter bei Facebook. Woraufhin der Campus Galli in üblicher Manier versucht hat, sich mit halbwahrem Wortgeknatter bzw. einer erfundenen Kausalität aus der Affäre zu ziehen. Siehe die nachfolgenden Screenshots, die ein paar Beispiele der auf mehrere Diskussionsfäden verteilten Kommentare zeigen.

Quelle: Facebook-Seite des Campus Galli

Quelle: Facebook-Seite des Campus Galli

Selbstverständlich wäre es möglich gewesen, dem Baustellenmitarbeiter für seine schauspielerische Einlage vorübergehend ein Paar historisch wenigstens halbwegs authentische Schuhe aus dem Fundus zu spendieren. Zumindest hätte es dergestalt ein seriöses Museum gehandhabt, dem bewusst ist, dass im Rahmen der Wissensvermittlung solche Details wichtige Bedeutungsträger sind. Doch entweder wurde dies von den grenzintelligenten Verantwortlichen des Campus Galli nicht bedacht oder es war ihnen schlicht und ergreifend wurscht. Als routinierter Beobachter der Möchtegern-Klosterstadt gehe ich ausdrücklich von letzerer Möglichkeit aus.

Weil man es nun aber beim Campus Galli nicht so mit Kritik hat, wurde ich nach obigem Posting, bei Facebook blockiert 😆.

Quelle: Facebook-Seite des Campus Galli

Soso. Er selbst war andererseits ganz froh, als ich ihm in diesem Blog eine Plattform gab, um in einem Gastbeitrag den Kritikern seine Sicht der Dinge darzulegen. Der undankbare Herr Napierala misst offenbar mit zweierlei Maß. Oder ist er immer noch beleidigt, weil ihn damals mehrere Leser im Kommentarbereich für seine schwammigen Wischiwaschi-Aussagen 'abwatschten'?

Selbstverständlich habe ich mich noch in einer E-Mail beim Geschäftsführer für die erwiesene Nettigkeit persönlich bedankt. Man weiß schließlich, was sich gehört:
Danke für die Sperre bei Facebook, Herr Doktor,
so etwas motiviert selbstverständlich ungemein, das ambitionslose Geschichts-Voodoo des Campus Galli auch weiterhin der verdienten Lächerlichkeit preiszugeben. 😊
Mit vorzüglichen Grüßen,
Ihr Lieblingsblogger

Übrigens: Trotz mehrfacher Ankündigungen wurde vom Campus Galli auch dieses Jahr noch keine einzige vernünftige wissenschaftliche Dokumentation der als "Experimentelle Archäologie" bezeichneten Arbeiten veröffentlicht.
Anstatt endlich - nach gutem wissenschaftlichen Brauch - die Quellen offenzulegen, die etwa für das angeblich fertiggestellte Holzkirchlein Grundlage waren, schwadroniert der Geschäftsführer in befreundeten Medien lieber über zukünftige Pläne wie den mit 500.000 Euro (sic!) Steuergeld subventionierten, aber schon mehrfach verschobenen Bau einer Scheune. Man beachte hier auch unbedingt die 'begeisterten' Kommentare der Eingeborenen unter dem verlinkten Artikel des Lokalblattes 😉.


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Fauler (Fake-)Rezensent bei Amazon

Schon wieder ein extrem auffälliger Fake-Rezensent bei Amazon! Man scrolle einmal durch dessen erstaunliche Bewertungen und beachte nicht nur die immer gleiche Anzahl der vergebenen Sterne; der Rezensent ist nämlich sogar zu faul, seine Rezensionstexte wenigstens pro forma ein bisschen dem jeweiligen Produkt anzupassen.
Oder sollte man hier nicht von Faulheit, sondern vielmehr vom ökonomisch klugen Minimieren des Arbeitsaufwandes sprechen? ^^  Klick mich

Was mich wirklich ärgert ist, dass Amazon in solchen Fällen einfach die Hände in den Schoß legt. Wenn nämlich jemand massenhaft ausschließlich 5-Sterne-Rezensionen mit dem immer gleichen Text veröffentlicht, dann sollte das Grund genug sein, den betroffenen Nutzer einer Überprüfung zu unterziehen. Ein entsprechender Automatismus wäre softwareseitig kinderleicht zu implementieren. Stattdessen nutzt man solche Funktionen lieber, um das laut Fernabsatzgesetz festgeschriebene Rücktrittsrecht zu unterminieren und sperrt in mehr als nur fragwürdiger Weise einfach die Konten von Kunden, wenn diese nach Ansicht von Amazon zu viel bestellte Ware retournieren. Wobei "zu viel" mitunter sehr eigenwillig interpretiert wird! Klick mich

Buch: Die Alpen in der Antike - Von Ötzi bis zur Völkerwanderung

Im Buch Die Alpen in der Antike - Von Ötzi bis zur Völkerwanderung (S. Fischer Velag, 2017) gibt der Historiker Ralf-Peter Märtin in sieben Kapitel Einblick in verschiedene geschichtliche Abschnitte der Alpen.

Thema des 1. Kapitels ist die bekannte kupfer-steinzeitliche Eismumie Ötzi. Wer war dieser Mann, wie sah die Kulturlandschaft der Alpen zu seiner Zeit aus, wie fand er den Tod und welche Besonderheiten weisen seine gut konservierten Überreste auf?
Hochinteressant ist beispielsweise, dass sich auf Ötzis Haut nicht nur Tätowierungen befinden, sondern diese auch noch exakt den Akupunktur-Linien des menschlichen Körpers folgten. Wer hätte weiters gedacht, dass unweit des von hinten mit einem Pfeil getöteten Ötzi eine 500 Jahre jüngerer Steintafel gefunden wurde auf der dargestellt ist, wie ein Mann von hinten mit Pfeil und Bogen erschossen wird? Handelte es sich womöglich um ein in dieser Gegend lange praktiziertes Ritual? War Ötzis vielleicht gar nicht einem schnöden Mord zum Opfer gefallen?

Im 2. Kapitel wirft der Autor einen Blick auf die Alpen in der Bronze- und Eisenzeit. Hierbei geht es vor allem um die immense Bedeutung des Bergbaus; Salz und Eisen machten manch Region in den Alpen reich und weithin bekannt: Stichwort "Norisches Eisen", dessen hoher Mangan-Gehalt sich positiv auf die daraus geschmiedeten Endprodukte auswirkte.

Das 3. Kapitel handelt von Hannibal und dessen berühmten Marsch über die herbstlichen Alpen. Bereits Polybios kritisierte jedoch, dass die Gefährlichkeit eines solchen Unterfangens von einigen seiner Historiker-Kollegen aufgebauscht wurde. Und tatsächlich marschierten in der Antike auch andere Heere in der kalten Jahreszeit unbeschadet über die Alpen - wie etwa jenes der Kimbern rund 100 Jahre nach Hannibal.

Die Kimbern kamen nicht über den Brenner lautet die Überschrift zum 4. Kapitel. Hier geht es nun um den langen Marsch der Kimbern, Teutonen und Abronen, die sich möglicherweise wegen einer Klimaverschlechterung von Jütland und Norddeutschland in Richtung Süden aufmachten, um dort ein neues Zuhause zu finden. Dabei gelangten sie unter anderem in das keltische Königreich Noricum und somit in den unmittelbaren Wahrnehmungsbereich des gerade erst zur Großmacht aufgestiegenen Roms. Am Ende der von Hans-Peter Märtin übersichtlich geschilderten Ereignisse stand die völlige Vernichtung der wanderlustigen Germanenstämme. Mit Teddybären wurde damals eben noch nicht geworfen. 😊

Im 5. Kapitel geht es um das Ausgreifen des Römischen Reichs in den Alpenraum. Es ist wenig verwunderlich, dass dieser Vorgang auf mancherlei Widerstand stieß. Unter anderem zeigten sich die Räter höchst widerborstig. Diesem kulturell recht fortgeschrittenen Volk wurde bereits in der Antike eine Verwandtschaft mit den Etruskern nachgesagt. Auch interessant: Varus, der unglückselige Feldherr des Jahres 9. n. Chr., befehligte bereits bei den Alpenfeldzügen des Tiberius vorübergehend jene XIX. Legion, mit der zusammen er viele Jahre später in den Wäldern Germaniens untergehen sollte.

Das 6. Kapitel handelt von der spätantiken Völkerwanderung, die für die romanisierte Bevölkerung der Alpen eine immense Zäsur darstellte. Viele Menschen starben in den nun hereinbrechenden Wirren oder flohen in Richtung Italien. Einige Mutige blieben, mussten aber oft die Täler verlassen, um sich in den Schutz von Höhenfestungen zurückzuziehen. 

Im 7. und letzten Kapitel wird die Christianisierung der Alpen in der Spätantike beschrieben. ein Vorgang, der keineswegs glatt verlief. Beispielsweise wird davon berichtet, dass ein eifriger Bischof, der sich daran machte, ein heidnisches Götzenbild umzuwerfen, von den darüber erbosten Bauern mit ihren Holzschuhen beworfen wurde ... 😃

Fazit: Ein abwechslungsreiches und kurzweiliges Buch. An einigen wenigen Stellen hätte es aber aus meiner Sicht ein bisschen mehr in die Tiefe gehen können. Der Kaufpreis beträgt 22 Euro.

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Weiterführende Informationen:

Donnerstag, 21. September 2017

Stell dir vor, es ist Perserkrieg, und keiner geht hin ...



Einen ersten Höhepunkt erlebten die Armeen des antiken Griechenland in ihrem Ringen mit den Persern im 5. Jh. v. Chr. Vor allem bei den zu Lande ausgetragenen Schlachten wurde dabei die Hauptlast von den Hopliten getragen - also den schwer bewaffneten Infanteristen, welche sich zu dieser Zeit überwiegend aus der bürgerlichen Ober- und Mittelschicht bzw. den ersten drei Vermögensklassen rekrutierten. Doch woher wusste beispielsweise im Stadtstaat Athen der einzelne Wehrpflichtige, ob er für einen anstehenden Feldzug vom zuständigen Strategen (General) angefordert wurde? Und wie war es auf der anderen Seite dem Strategen möglich, bestimmte Bürger namentlich zum Wehrdienst einzuziehen - besonders jene, die außerhalb der eigentlichen Stadt - also auf dem platten Land - lebten? 

Grundlage für die Lösung des Problems waren Aushebungsverzeichnisse mit den Namen der Wehrfähigen, welche wiederum auf den Bürgerlisten aufbauten, in die man als erwachsener (18jähriger) männlicher Bürger eingetragen wurde. Diese Listen - also sowohl die Bürgerlisten wie auch jene mit den Wehrpflichtigen - lagen wohl in den einzelnen Demen auf (= kleinsten Verwaltungseinheiten - siehe auch der davon abgeleitete Begriff 'Demokratie') und wurden vom jeweiligen Demarchen (= Vorsteher einer Deme) geführt.
Eventuell beinhaltete ein solches Aushebungsverzeichnis (κατάλογος = Katalogos bzw. Katalog) Zuatzinformationen zu bisherigen Kriegseinsätzen der einzelnen Bürger. Für den Strategen hätte dies eine Erleichterung beim Zusammenstellen einer möglichst schlagkräftigen Truppe bedeutet (hingegen wurden nur selten - nämlich in absoluten Krisenzeiten - alle Wehrpflichtigen auf einen Schlag eingezogen).

Hatte der Stratege mithilfe von Assistenten seine Auswahl unter den Bürgern getroffen, so ließ er diese in Form einer Liste öffentlich aushängen. Aristoteles schreibt, die Namen wurden mit Holzkohle auf geweißte Tafeln geschrieben.
Da jeder der insgesamt zehn gewählten Strategen seine eigene Liste führte, waren es insgesamt zehn Stück (oder eher zehn Gruppen von Tafeln, da jeweils eine einzige eventuell nicht ausgereicht hätte), die auf der Agora Athens aufgestellt wurden. Daneben waren außerdem - wie aus einem Theaterstück des kriegserfahrenen Aristophanes hervorgeht - weitere relevante Bekanntmachungen ausgehängt. Aus ihnen ging hervor, wann und wo sich die gelisteten Männer zur Musterung einzufinden hatten und was an Ausrüstung und Verpflegung mitgebracht werden musste.

Da die Aushebungsverzeichnisse in Athen ausgehängt wurden, konnte keinesfalls davon ausgegangen werden, dass die gesamte Bevölkerung im Umland davon Kenntnis nahm. Manch Bürger könnte aufgrund dieses Umstandes sogar eine Chance gewittert haben, sich vor dem Kriegsdienst zu drücken. Von den Strategen wurden daher Boten entsandt, die die Bevölkerung zumindest auf den Aushang der Listen hinwiesen, wie ebenfalls aus einem Stück des Aristophanes hervorgeht. Desweiteren sind Trompetensignale denkbar; schließlich wurden diese dazu verwendet, um die männlichen Bürger im Notfall rasch zu den Waffen zu rufen. Warum also nicht auch zur Musterung?
Wer der Musterung unentschuldigt fernblieb, wurde nach Beendigung des Feldzuges vor ein spezielles Gericht gestellt, das sich aus Hopliten zusammensetzte und dem einer der zehn Strategen vorstand. Möglicherweise hat man die Angeklagten bis zum Gerichtstermin in Verwahrung genommen.

So weit, so gut. Was aber hatte ein einberufener Hoplit zu tun, wenn er der Meinung war, nicht für den Dienst im Heer tauglich zu sein?
Zuerst war es nötig, dass der Betroffene persönlich beim Strategen vorstellig wurde, um seinen Fall unter Eid vorzutragen. Der am häufigsten genannte Grund dürfte das Nichterfüllen der zum Dienst als Hoplit qualifizierenden Alters- und Vermögenskriterien gewesen sein.
Ausgehend von den überlieferten Regelungen zur Zeit des Aristoteles (4. Jh. v. Chr.), als die vorgegebene Altersspanne zwischen 18 und 59 Jahren lag, wird angenommen, dass es sich im 5. Jh. v. Chr. während der Perserkriege und des Pelopnnesischen Krieges bereits ähnlich verhielt (wobei laut Thukydides die ältesten und jüngsten Wehrpflichtigen normalerweise nicht für auswärtige Kriegseinsätze herangezogen wurden, sondern stattdessen die Grenzen der Polis zu sichern hatten).
Auch wer sich die kostspielige Panhoplie - also die Kampfausrüstung eines Hopliten - nicht leisten konnte, wird ein Freistellungsgesuch eingereicht haben.
Darüberhinaus waren bestimmte Amts- und Funktionsträger vom Militärdienst befreit. Dazu zählten die Mitglieder des Rates der 500, die Zolleinnehmer, die Mitglieder des bei großen öffentlichen Festen eingesetzten Chores inklusive der Choregen ('Event-Veranstalter bzw. -Manager' aus dem Kreis der politischen Elite - vergleichbar mit den Veranstaltern von öffentlichen Spielen im antiken Rom).
Außerdem waren den Überlieferungen nach Krankheit (z.B. starke Augenentzündung) oder persönliche Härtefälle (z.B. ein abgebranntes Eigenheim) mitunter Grund genug, um eine Freistellung genehmigt zu bekommen. In welchem Ausmaß körperliche Gebrechen auch einfach nur vorgetäuscht wurden, wissen wir nicht. Allerdings ist es möglich, dass in zweifelhaften Fällen der Betroffene einen Ersatzmann zu stellen hatte.
Hopliten, die gerade erst von einem Feldzug zurückgekommen waren, konnten sich wohl ebenfalls von der Verpflichtung, sofort wieder an einem auswärtigen Feldzug teilzunehmen, befreien lassen; wobei sie dann allerdings nicht sofort ins Zivilleben zurückkehrten, sondern als Festungsbesatzung bzw. zur Grenzsicherung eingesetzt wurden.

Die oben beschriebenen Regelungen und Maßnahmen sorgten dafür, dass im Falle eines Krieges genügend Bürgersoldaten innerhalb relativ kurzer Zeit zur Verfügung standen. Darüberhinaus wurden aber gerade bei Feldzügen mit längerer Vorbereitungszeit auch sich freiwillig meldende Metöken (ansässige Griechen aus anderen Stadtstaaten) sowie Söldner von Auswärts eingesetzt. Das galt für die Waffengattung der Hopliten, besonders aber für Bogenschützen, Schleuderer und Reiterei.

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Weiterführende Literatur: 

Dienstag, 19. September 2017

Zeitschrift "Bayerische Archäologie": Sondengänger führt private 'Notgrabung' durch -- Die Bajuwaren waren 'Warriors' -- Fragwürdiger Denkmalschutz

Viermal jährlich erscheint im Verlag Friedrich Pustet die Zeitschrift Bayerische Archäologie. Die einzelnen Ausgaben haben unterschiedliche Schwerpunkte, enthalten daneben aber auch Beiträge zu diversen weiteren Themen.


Die Bajuwaren waren 'Warriors'

Das aktuellen Heft (3/2017) trägt den Titel Zeitenwende II: Das Ende der Antike - und was kam dann? Dementsprechend handeln mehrere Texte von den im heraufziehenden Frühmittelalter zum ersten Mal ins Rampenlicht der Geschichte tretenden Bajuwaren (auch Baiuvaren, Baiovaren, Baioari, usw. geschrieben). Beispielsweise geht der Germanist Peter Wiesinger jener schon lange umstrittenen Frage nach, woher die Bezeichnung dieses Stammes überhaupt herrührt.  Gut möglich ist -wie erläutert wird - dass die ursprünglich von den keltischen Boiern (Bojern) besiedelte Landschaft Böhmen sowie das germanische Wort warjoz (=Wehrmänner; siehe auch das englische Wort warrior!) namensgebend waren. Bei den ersten Bajuwaren handelte es sich also möglicherweise um germanische Krieger, die aus dem von den keltischen Boiern schon lange verlassenen Böhmen kamen und sich als Söldner in den Dienst Ostroms stellten, das Ende des 5. Jahrhunderts - nach der Auflösung des Weströmischen Reichs - daran interessiert war, die an Böhmen grenzende Provinz Noricum militärisch abzusichern.


Sondengänger führt private 'Notgrabung' durch 



Kurios ist der in einem anderen Beitrag beschriebene Fall von einem anonym abgegebenen, aus 89 Einzelobjekten bestehenden Bronzehort (siehe obiges Bild). Ein Sondengänger grub ihn in einem Wald bei Hemau in der Oberpfalz aus und schickte ihn daraufhin ans Landesamt für Denkmalpflege - inklusive eines Briefs, in dem er nicht nur den Fundort genau beschrieb, sondern auch seine Handlungsweise begründete: Die Objekte hätten sich neben einem stark frequentierten Wanderweg, jedoch auf keinem ausgewiesenen Bodendenkmal, befunden. Es bestand hier angeblich die dringende Gefahr, dass Wanderer den Hort zufällig entdecken und mopsen würden. Der Sondengänger initiierte deshalb eine Art private 'Notgrabung' 😉. Außerdem verwehrte er sich in seinem Schreiben quasi vorsorglich dagegen, als "krimineller Raubgräber" abgestempelt zu werden. Anonym wolle er bleiben, weil er den Behörden nicht vertraut. Deren genereller Umgang mit Sondengängern führe in eine Sackgasse, die für keine Seite einen Gewinn bringen würde. Seinen Finderanteil an dem Hort möge man einem gemeinnützigen Zweck zuführen, bittet er dann noch.
Das Denkmalamt führte an der beschriebene Stelle eine Nachgrabung durch und entdeckte noch drei weitere bronzezeitliche Metallobjekte. Allerdings ist man von der Eigenmächtigkeit des Sondengängers naturgemäß wenig begeistert. Wichtige Fundzusammenhänge seien durch die undokumentierte Bergung verlorengegangen. Dieses Argument halte ich bei einem Hortfund wie diesem jedoch für etwas überzogen, denn die Lage der Objekte zueinander wird hier - im Gegensatz zu einem Grab - kaum etwas von echter Bedeutung verraten. Trotzdem wäre es wahrscheinlich besser gewesen, der Sondengänger hätte sofort die Behörden verständigt. Nur wenn diese tatsächlich nicht zeitnah ihren Hintern hochbekommen hätten, wäre es moralisch vertretbar gewesen, in Eigenregie tätig zu werden. Und selbst in so einem Ausnahmefall ist es sicher sinnvoll, wenn man die Ausgrabung halbwegs vorsichtig durchführt, alles mit Fotos dokumentiert und nicht versucht, die zutage geförderten Objekte zu säubern, da hierbei die Gefahr besteht, dass z.B. eventuell vorhandene Textilanhaftungen am korrodierten Metall beseitigt werden.
Interessant wäre übrigens aus meiner Sicht noch gewesen, wenn man die für diesen Fall relevante bayerische Gesetzeslage in dem Artikel etwas näher erläutert hätte. Nicht jeder Leser wird diese kennen.


Fragwürdiger Denkmalschutz: Der Abbruch der Eselbastei 

Über den umstrittenen Abbruch der sogenannten Eselbastei in Ingolstadt schreibt Roland Gschlössl, der Herausgeber der Zeitschrift.  Konkret geht es hier darum, dass das erst 2012 unter Denkmalschutz gestellte renaissancezeitliche Mauerwerk in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abgerissen wurde. Grund: Es war einem Hotel mit Tiefgarage im Weg. Eine Konservierung wurde nach Rücksprache mit dem Bauherren von einer Mehrheit des Stadtrates als zu kostspielig eingestuft.
Die Gegner des Abrisses argumentieren, dass hier ein sehr wichtiges Stück Stadtgeschichte leichtfertig zerstört wurde. So sei beispielsweise laut Überlieferung von der Eselsbastei aus dem schwedischen König Gustav Adolf bei einem Erkundungsritt das Pferd direkt unter dem Hintern weggeschossen worden, woraufhin dieser von einer Belagerung der stark befestigten Stadt absah. Übrigens, das damals getötete Pferd wurde als Trophäe nach Ingolstadt gebracht und ist dort heute im Stadtmuseum zu sehen; es gilt als ältestes Tierpräparat Europas - siehe das nachfolgende Bild.


Ich kann den Ärger der Kritiker verstehen, bin aber zwiegespalten. Die bisher schon nicht sichtbaren Mauern wären nach ihrer Dokumentation ohnehin wieder zugeschüttet worden, wenn es sich um eine normale archäologische Grabung gehandelt hätte und an der betreffenden Stelle keine Tiefgarage errichtet worden wäre. 


Abschließend noch eine kleine Randbemerkung zum Vorwort in diesem Heft. Darin schreibt der Herausgeber eingangs: "Liebe Leserin, lieber Leser, ...". Sehr brav, dafür gäbe es normalerweise die Note Eins im Fach Geschlechtergerechte Sprache. Doch leider, nur ein paar Zeilen weiter ist bereits unverzeihlicherweise vom "Zeitalter der Baiovaren" die Rede; gerade so, als ob es damals keine Baiovarinnen gegeben hätte. Aber so ist das eben, diesen sprachlichen Schmarrn hält fast niemand konsequent durch. Daher verzichte zumindest ich komplett darauf 😊


Fazit: Alles in allem wieder ein interessantes Heft, mit thematisch gut durchmischten Beiträgen. Der Kaufpreis beträgt knapp 9 Euro.

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Weitere interessante Themen:

Montag, 18. September 2017

Hörbares: Richard Löwenherz -- Heraklit -- So klingt das Spätmittelalter -- Das Hundetragen -- Die Völlerei -- Geschichte des Bettelns -- Kaiser Barbarossa erobert die Peterskirche


Richard Löwenherz: Ritter, Abenteurer und Gefangener | DF | Spieldauer 22 Minuten | Stream & Info | Direkter Downlaod

Alles fließt - Das Weltbild des antiken Denkers Heraklit | BR/ARD | Spieldauer 22 Minuten | Stream & Info Direkter Downlaod

So klingt das Spätmittelalter | RBB/ARD | Spieldauer 15 Minuten | Stream & Info | Direkter Downlaod
Hier noch der Link zu jener im Beitrag erwähnten Internetseite, auf der sich etliche schöne Hörbeispiele spätmittelalterlicher Musik finden (jene Lieder mit mittelhochdeutschem oder frühneuhochdeutschem Text gefallen mir besonders gut): musical-life.net  

Das Hundetragen - eine Strafe des Mittelalters | BR/ARD | Spieldauer 3 Minuten | Stream & Info | Direkter Downlaod

Die Völlerei - Das große Fressen | BR/ARD | Spieldauer 22 Minuten | Stream & Info | Direkter Downlaod

Bettelei - Aus der Geschichte einer Lebensform | BR/ARD | Spieldauer 23 Minuten | Stream & Info | Direkter Downlaod

Der 29. Juli 1167 - Kaiser Barbarossa erobert die Peterskirche | WDR/ARD | Spieldauer 15 Minuten | Stream & Info | Direkter Downlaod

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Sonntag, 17. September 2017

Videos: Archäologische Knochenjagd mit Spürhund -- Wie viel Neandertaler steckt in uns? -- Historisches Heerlager -- Jan Hus -- Luther

Archäologische Knochenjagd mit Spürhund | Spieldauer 3 Minuten | BR | Stream & Info

Urmensch - wie viel Neandertaler steckt in uns? | Spieldauer 59 Minuten | SWR | Stream & Info

Historisches Heerlager bei der Burg Münzenberg: Zu Tisch im Mittelalter | Spieldauer 30 Minuten | BR | Stream & Info
Das ist genau die Art von Veranstaltung, die ich auch als Besucher meide wie der Teufel das Weihwasser. Trotzdem ist es ganz unterhaltsam, sich so etwas in Form einer TV-Sendung mal anzuschauen. Bei vielem was hier zu sehen ist, läuft mir ein wohliger Schauer den Rücken hinunter. Ich brauche keinen Stephen King, solange es solche Veranstaltungen gibt 😊

Reichsstadt-Festtage für Mittelalter-Fans | Spieldauer 5 Minuten | BR | Stream & Info

Jan Hus - verbrannt in Konstanz | Spieldauer 15 Minuten | SWR | Stream & Info

Luther - verdächtigt in Erfurt | Spieldauer 15 Minuten | SWR | Stream & Info

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Buch: Historisches Lexikon der deutschen Länder

Bereits in der 7. Auflage ist Gerhard Köblers Historisches Lexikon der deutschen Länder (Verlag C.H. Beck) erschienen. In unterschiedlicher Ausführlichkeit werden auf beinahe 1000 Seiten rund 5000 Einheiten des historischen 'Deutschlands' beschrieben - zu dem auch Österreich, Teile der Schweiz usw. zählen. 

Man könnte meinen, dass ein Lexikon wie dieses in Zeiten von Wikipedia völlig obsolet ist. Doch das ist es nicht, sofern man beispielsweise für eine Studienarbeit eine zitierfähige Quelle benötig. Darüberhinaus ist das Buch auch ein Schmöker im besten Sinn des Wortes.
Doch warum vergebe ich trotz dieser rundweg positiven Einschätzung 'nur' vier und nicht fünf Sterne? 
Na ja, ich habe mich ein wenig über die Auswahl der gelisteten Territorien und Städte gewundert bzw. geärgert. So hat zwar einerseits die kleine Kärntner Landeshauptstadt Klagenfurt einen eigenen Eintrag - und auch manch historisch noch weniger bedeutendes Städtchen wie das baden-württembergische Meßkirch - aber andererseits wurde Graz, immerhin die zweitgrößte Stadt Österreichs und einstige Residenz der Habsburger, kein eigener Eintrag spendiert. Wie ist das möglich? 
Mir ist selbstverständlich klar, dass bei einem solchen Lexikon Prioritäten gesetzt werden und Abstriche in Kauf genommen werden müssen, da es anderenfalls einen zu großen Umfang annehmen würde, aber speziell die genannte Auslassung ist für mich bei allem Verständnis nicht nachvollziehbar. Sollte es eine achte Auflage des Buchs geben, dann wäre es sicher begrüßenswert, wen man hier eine Ergänzung vornehmen würde.

FAZIT: Trotz Auslassungen handelt es sich bei diesem Lexikon um ein praktisches Nachschlagewerk. Besonders im Angesicht des günstigen Preises von nicht einmal 20 Euro. Landkarten sind übrigens keine enthalten.



Inhaltsverzeichnis:

Vorwort (zur 1. Auflage)
Vorwort zur 6. Auflage
Vorwort zur 7. Auflage
Überblick
Verzeichnis der wichtigsten Abkürzungen
Literaturhinweise
Historisches Lexikon
Register

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Weiterführende Informationen:

Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

Donnerstag, 14. September 2017

Krimskrams: Haben Archäologen den Schädel von Plinius dem Älteren entdeckt? -- Heribert Illig nervt Prof. Sowieso und alle Studienräte

Haben Archäologen den Schädel von Plinius dem Älteren entdeckt?

Es wär schon eine kleine Sensation, wenn es zutreffend ist, dass sich unter den sterblichen Überresten der Opfer des im Jahr 79 n. Chr. ausgebrochenen Vesuvs auch der Schädel von Plinius dem Älteren befindet: Klick mich

Freilich, im Gegensatz dazu geht der Archäologe Alberto Angela in seinem hier von mir besprochenen Buch “Pompeji – Die größte Tragödie der Antike” davon aus, dass der Leichnam des älteren Plinius NICHT im vom Vulkan fast vollständig zerstörten Stabiae zurückgelassen wurde, sondern mit der von ihm ursprünglich kommandierten Rettungsflotte in den Stützpunkt Misenum zurückkehrte.

Was mir nicht unlogisch erscheint, denn die, die den Tod von Plinius als Augenzeugen miterlebten, kehrten ja ebenfalls zurück und konnten vom Erlebten sehr detailliert berichten. Entsprechend heißt es in einem Brief des jüngeren Plinius (hier von mir zitiert), der Leichnam seines Onkels (=der ältere Plinius) sei am Tag nach dem Vulkanausbruch ohne äußere Zeichen von Verletzungen am Strand gefunden worden. Warum hätte man damals den hochrangigen Verstorbenen dort einfach liegenlassen sollen?

Ich bin daher skeptisch, dass der entdeckte Schädel tatsächlich einst dem älteren Plinius gehörte.

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Heribert Illig nervt Prof. Sowieso und alle Studienräte

Im Kulturmagazin Unser Lübeck erschien kürzlich ein Beitrag über Heribert Illig, seine Fantomzeit-These und den 'erfundenen' Scharlöömanje - der komplette Titel lautet: Für Historiker eine Unperson - Der Verschwörungstheoretiker und Karlsleugner Heribert Illig nervt Prof. Sowieso und alle Studienräte 

Liest sich irgendwie ganz lustig 😊

Auch die Tageszeitung Die Presse brachte kürzlich einen Artikel über Heribert Illig. Darin scheint es darum zu gehen, dass angeblich auch Teile der Antike frei erfunden sein sollen (^^). Allerdings verbirgt sich der Großteil des Textes hinter einer Bezahlmauer.

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