Montag, 18. Dezember 2017

Hörbares: Homers Ilias -- Die Etrusker -- Das frühe Byzanz -- Die Halsbandaffäre -- Beginen




Diskussion: Was uns Homers "Ilias" heute zu sagen hat | Spieldauer 44 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download

Diskussion: Rätsel der Antike - Die geheimnisvolle Hochkultur der Etrusker | Spieldauer 44 Minuten | SWR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

"Die Etrusker" - Ausstellung in Karlsruhe | Spieldauer 6 Minuten | DF/ARD | Stream & Info | Direkter Download

Das frühe Byzanz - Ein christliches Imperium im Osten | Spieldauer 23 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

Beginen im Mittelalter und heute - Frauen unter sich | Spieldauer 7 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download

Die Halsbandaffäre - Marie Antoinette und das fatale Collier | Spieldauer 23 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

—————–

Sonntag, 17. Dezember 2017

Buch: Asterix - Unbeugsame Lateinzitate

Würden die Abenteuer von Asterix und Obelix auch ohne all die eingestreuten Lateinzitate funktionieren? Wahrscheinlich. Und doch sind sie im Laufe der Jahre zu einem festen, kaum mehr wegzudenkenden Bestandteil der beliebten Comic-Reihe geworden.
Noch gut ist mir in Erinnerung, wie ich Mitschüler mit meinem Asterix-Latein beeindrucken wollte😊. Erfreulicherweise ist ja die deutsche Übersetzung des jeweiligen Zitats immer in Form einer Fußnote vorhanden, sodass es auch dem Unkundigen leicht möglich ist, damit einen auf 'Lateiner' zu machen. Allerdings über den historischen Kontext, aus dem die Zitate ursprünglich stammen, erfährt man in den Comics nichts.
Frei nach dem Motto "Felix qui potuit rerum cognoscere causas" (Glücklich, wer den Dingen auf den Grund sehen konnte), verspricht hier nun das Buch Asterix - Unbeugsame Lateinzitate Abhilfe. Insgesamt 70 lateinische Zitate aus den Asterix-Heften sind darin zu finden - inklusive der jeweils dazugehörenden Comic-Zeichnung in meist vergrößertem Format, sodass auch das Auge etwas geboten bekommt.

Interessanterweise stammen einige der von den Asterix-Autoren recycelten Zitate überhaupt nicht aus der Antike, sondern sind deutlich jüngeren Datums. So findet man sie beispielsweise in einem Theaterstück von Molière, in einer Grabrede für die englische Königin Henrietta Maria und auf dem Wappen der Stadt Paris. Wer hätte das gedacht?
Die beigefügten Erläuterungen dürften für die meisten Interessierten erschöpfend genug sein. Allerdings musste ich feststellen, dass aufgrund eher ungeschickter Verkürzungen dem Leser in wenigen Fällen ein etwas irreführender Eindruck vermittelt wird. So heißt es beispielsweise, der berüchtigte römische Politkriminelle Lucius Sergius Catilina (ein Zeitgenosse Caesars) sei des Inzests angeklagt worden. Grundsätzlich ist das zwar richtig, allerdings wurde hier vergessen zu erwähnen, dass im alten Rom - anders als heute - nicht nur sexueller Verkehr mit nahen Blutsverwandten als Inzest (incestum) bezeichnet wurde, sondern auch sexueller Verkehr mit den Priesterinnen der Göttin Vesta. Und genau auf letzeres bezog sich die Anklage gegen Catilina (von der er im Übrigen freigesprochen wurde). 

Fazit: Für Freunde der Asterix-Reihe ist dieses locker geschriebene, optisch ansprechend gestaltete Buch sicher eine schöne Ergänzung ihrer Comic-Sammlung. Außerdem eröffnet sich hier die Möglichkeit, etwas für die eigene Allgemeinbildung zu tun. Allzu tiefschürfende Erkenntnisse sollte man sich freilich nicht erwarten.
Übrigens, der Buchtitel "Asterix - Unbeugsame Lateinzitate" beinhaltet wohl eine doppelte Anspielung. Erstens hinsichtlich der bekanntermaßen "unbeugsamen Gallier"; und zweitens wird hier vermutlich auf auf das grammatikalische Beugen/Deklinieren in der lateinischen Sprache Bezug genommen. Ein Vorgang, der schon seit Generationen unzähligen Schülern Kopfzerbrechen bereitet 😉

—————–

Weiterführende Informationen: 

Weitere interessante Themen:

Samstag, 16. Dezember 2017

3. Gewinner der Advent-Buchverlosung 2017

Der glückliche Gewinner des Buchs "Pompeji - Die größte Tragödie der Antike" ist: Maximilian W.


Eine Teilnahme an der Verlosung des letzten der vier Bücher ist immer noch möglich.

 Weiter Infos

Mittwoch, 13. Dezember 2017

Intrigenstadl Troja-Forschung: Ein Interview mit dem Geoarchäologen Eberhard Zangger



Wissenschaft wird der Öffentlichkeit gerne als etwas absolut Selbstloses und Edles verkauft. Überspitzt formuliert könnte man sogar sagen: Der Wissenschaftler hat bei uns in den letzten Jahrhunderten den Priester sukzessive als moralischen Kompass und Verkünder der einzigen Wahrheit abgelöst. Von den Medien gerne gebrauchte Formulierungen wie "Wissenschaftler haben herausgefunden ... " oder "Laut einer Studie ..." fordern Rezipienten unterbewusst dazu auf, das Gesagte mindestens so lange für wahr zu halten, bis ein anderer Wissenschaftler oder eine andere Studie das Gegenteil behauptet. 
Problematisch daran ist nicht nur, dass die Religiosität der Massen einfach durch blinde Wissenschaftsgläubigkeit ersetzt wurde. Vielmehr führen auch charakterliche Mängel und die Einbindung in ein meritokratisches System bei manch einem Wissenschaftler dazu, dass er schlichtweg kein Interesse daran hat, wenn seine Forschungsarbeit vor aller Augen von Fachkollegen falsifiziert oder auch nur relativiert wird. Intrigen, Machtmissbrauch und Mobbing sind die Folge.
Anschaulich dargelegt werden diese Mechanismen im kürzlich erschienenen Buch "Die Luwier und der Trojanische Krieg". Nicht zuletzt anhand eigener Erfahrungen dokumentiert der Geoarchäologe Eberhard Zangger, wie ideenreichen Querdenkern in der Troja- und Luwier-Forschung von Kollegen, Vorgesetzten und vermeintlichen Autoritäten seit bald 200 Jahren ein Bein nach dem anderen gestellt wird, um ein paar wackelige, als 'settled science' verkaufte Dogmen zu schützen.
Zwar bestreitet heute niemand mehr die Existenz der in West-Kleinasien beheimateten Luwier - ein Volk, das in der mittleren und späten Bronzezeit wohl auch die Landschaft um das legendäre Troja besiedelte. Allerdings gehen die Meinungen bezüglich ihres historischen Einflusses mitunter deutlich auseinander. So vertritt beispielsweise Eberhard Zangger die Ansicht, dass die Luwier überwiegend mit den legendären "Seevölkern" identisch sind, die um 1200 v. Chr. für großflächige Verwüstungen weiter Landstriche im östlichen Mittelmeerraum verantwortlich gewesen sein dürften. Ein Vorgang, der manch eine Hochkultur - wie etwa die der Hethiter - ins Verderben stürzte; andere - wie das pharaonische Ägypten - konnten nur aufgrund allergrößter militärischer Kraftanstrengungen überleben. Ähnlich den spätantiken Völkerwanderungen mündeten diese Verwerfungen vielerorts in eine Art vorgeschichtliches Mittelalter ("Dark Ages"), in dem die Bevölkerung sich wieder verstärkt einer bäuerlichen Lebensweise zuwandte, die Schriftkultur (Linear-B-Schrift) erlosch und man aus Unwissenheit meinte, nur Riesen (Zyklopen) wären in der Lage gewesen, die beeindruckenden, aber mittlerweile verfallenen Palastanlagen der Vorfahren zu errichten. Bald nach Ende dieser mehrere Jahrhunderte andauernden Periode der 'Finsternis' verfasste Homer die Ilias und die Odyssee, in deren Handlungskulisse das Echo der untergegangenen Hochkulturen aus 'heroischer Zeit' noch unverkennbar nachhallt. Demzufolge könnte der vor allem in der Ilias beschriebene Kampf zwischen einem griechischen und einem trojanischen Staaten-Bündnis auf einer tatsächlichen militärischen Auseinandersetzung zwischen dem mykenischen und dem luwischen Kulturkreis beruhen. Ob es aber tatsächlich mykenische Griechen waren, die das bronzezeitliche Troja um 1200 v. Chr. endgültig zerstörten, ist keinesfalls sicher...

Die luwischen Kleinstaaten (rot) zwischen dem mykenischen Griechenland und dem hethitischen Zentralkleinasien. Man beachte besonders den Kleinstaat Wilusa, in dem das legendäre Troja lag; die Bezeichnung von Homers Ilias könnte sich davon ableiten. Quelle der Karte: luwianstudies.org | Zum Vergrößern auf das Bild klicken



Lieber Herr Zangger, nachdem Sie geraume Zeit erfolgreich als Geoarchäologe in Griechenland tätig waren, wandten Sie sich in den 1990ern zunehmend den etwas mysteriösen Luwiern sowie dem bronzezeitlichen Troja zu. War Ihnen bewusst, dass Sie damit in die Fußstapfen von gar nicht einmal so wenigen Wissenschaftlern traten, denen die Beschäftigung mit diesen Themen einiges an Ärger, Frust und wenig Wohlwollen seitens der arrivierten Forschung einbrachte?
Nein, ganz und gar nicht. Das habe ich erst nach und nach gemerkt. Auffällig war allerdings von vorherein, dass es in Westkleinasien sehr viele große bronzezeitliche Siedlungsplätze gibt – inzwischen kennen wir rund 400 –, aber so gut wie keine Ausgrabungen europäischer Archäologen. Die prominenten Grabungen sind und bleiben Troja und Beycesultan im Westen sowie Hattuša in Zentralkleinasien. Wobei die Initiatoren dieser Projekte in die Wüste geschickt wurden (Schliemann und Mellaart) bzw. früh verstarben (Winckler) und allesamt bis heute verrufen sind. Das war allgemein bekannt. Natürlich stieß ich auch früh auf Forscher wie Emil Forrer, Helmuth Bossert und Fred Woudhuizen. Allerdings besteht bei Literaturrecherchen zunächst die Gefahr, selbst von dem latent abwertenden Urteil über die Vorleistungen solcher Pioniere angesteckt zu werden. Nie bin ich auf eine Quelle gestoßen, in der sich ein Forscher positiv über Hugo Winckler geäußert hätte. Als ich mich in den letzten Jahren mit Wincklers Erkenntnissen beschäftigte, erkannte ich jedoch, wie weit er seiner Zeit voraus war. Erst dadurch kam ich auf die Idee, dass hinter dem, was man über diese Forscher liest, anfänglich auch eine gezielte Rufschädigung gestanden haben könnte. Letztlich hatte ich ja so etwas selbst erlebt. 

In Ihrem aktuellen Buch beschreiben Sie den mittlerweile verstorbenen Chefausgräber von Troja, Manfred Korfmann, als Ihren größten wissenschaftlichen Gegner. Dabei scheint er Ihnen anfangs sogar wohlgesinnt gewesen zu sein. Was an Ihrer Forschung hat ihn denn so nachhaltig gestört?
Ich war und bin der Meinung, dass Manfred Korfmann falsch an die Untersuchung von Troja heranging. Das hatte möglicherweise zunächst einen einfachen Grund: Jede namhafte archäologische Fundstätte ist eingezäunt. Innerhalb des Zaunes können die Ausgräber tun und lassen, was sie möchten, solange sie sich dabei an die Gesetze halten. Außerhalb des Zaunes sieht die Sache anders aus. Um dort zu graben, müssten zunächst Grundstücke erworben werden, außerdem sind ausdrückliche Grabungsgenehmigungen erforderlich. In Troja kommt erschwerend hinzu, dass der Grundwasserspiegel in der Talaue vermutlich in etwa 2 Meter Tiefe liegt. Meiner Überzeugung nach würden sich dort auch die Schichten mit den Ruinen der Unterstadt finden – aber in 5 bis 7 Meter Tiefe. Das heißt, Archäologen, die außerhalb der abgezäunten Fundstätte in der Talaue nach Resten der eigentlichen Stadt suchen wollten, müssten zunächst den Grundwasserspiegel künstlich absenken, was natürlich machbar ist, aber einigen Aufwand bedeutet. Dann sind die obersten 5 Meter sterile, also artefaktfreie Flussablagerungen. Diese müssten mit Baggern und Planierraupen abgetragen werden. Bagger und Planierraupen in Troja! Was würde das für eine Aufregung auslösen? Also suchen die Ausgräber – nicht nur Korfmann – dort weiter, wo es problemlos möglich ist, wo es aber leider kaum noch etwas zu finden gibt: innerhalb der abgegrenzten Fundstätte, also auf dem Burghügel. Dort haben ihre Vorgänger allerdings längst alle spätbronzezeitlichen Schichten abgetragen. – Die Konsequenzen einer pragmatischen, strikt naturwissenschaftlichen Herangehensweise können also durchaus unangenehm sein. Insofern ist es nachvollziehbar, dass sich Manfred Korfmann durch meine Thesen gestört fühlte. 

Zum Teil erinnern die Intrigen, die gegen Sie initiiert wurden, ein bisschen an einen Agentenfilm. Etwa wenn Sie beschreiben, wie ein anonymer Anrufer Sie vor der Teilnahme an einer universitären Diskussionsveranstaltung warnt, da ihre Gegner planten, diese in eine Art Tribunal gegen Sie umzuwandeln. 
'Wissenschaftler', die sich solcher Methoden bedienen, scheinen kein rechtes Vertrauen in die Überzeugungskraft der eigenen Argumente zu haben.
Sie sprechen ein großes Wort gelassen aus. Leute außerhalb des Universitätssystems haben oft eine idealisierte Vorstellung von Wissenschaft: Sie denken, es gehe um Forschung und Innovation, um neue Ideen, Kritik und Dialog. Forscher seien ihrer Zeit voraus und stets an Neuem interessiert. In dieser idealen Welt läuft Wissenschaft rational ab; letztlich obsiegen Evidenzen und gute Argumente. Das kann durchaus zutreffen, scheint aber eher die Ausnahme zu sein. Meine Erfahrungen stellen jedenfalls diesen Idealfall in Frage. Die Abläufe, denen ich begegne, ähneln denen, die Thomas Kuhn in «Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen» beschreibt. Demnach funktioniert Wissenschaft oft so, dass sich Forscher schon früh einem Paradigma unterwerfen. Dieses gibt vor, welche Fragen sinnvoll sind und welche Methoden zur Problemlösung akzeptiert werden. Unter diesem Paradigma wird fortan operiert. Kuhn nennt das die normalwissenschaftliche Phase. 
Wenn das Paradigma einmal etabliert ist, entstehen sogenannte Schulen, die sich darauf ausrichten und dabei auch gewisse prinzipielle Fragen ausblenden. Es werden Resultate produziert, ohne dass es eine Diskussion über die Grundlagen gibt. So entsteht Fortschritt. Allerdings ist jedes Paradigma beschränkt: Irgendwann ist alles gemacht, was gemacht werden kann; alle Fragen sind gestellt, die innerhalb des Paradigmas gestellt werden dürfen. An den Grenzen des Wissens treten dann vermehrt Fragen auf, die nicht beantwortet werden können, die einfach zur Seite geschoben worden waren. Irgendwann kommt der Moment, wo man diese Fragen nicht mehr ignorieren kann. 
Häufig waren es Außenseiter oder ganz junge Wissenschaftler, die sich solchen Fragen widmeten. Dabei entstehen neue methodologische Ansätze, die letztlich zu dem führen, was Kuhn wissenschaftliche Revolution nennt.
Oft ist die argumentative Auseinandersetzung zwischen den Verfechtern der bestehenden Paradigmen und denen einer neuen Denkrichtung nur ein Ablenkungsmanöver. Eigentlich dreht sich alles um die Fragen: Passt die neue These in mein Weltbild? Nützt sie meiner Karriere? Wenn Naturwissenschaftler feststellen, dass ihre Hypothesen nicht mit der Realität übereinstimmen, passen sie die Hypothesen an. Wenn Archäologen feststellen, dass ihre Hypothesen nicht mit der Realität übereinstimmen, passen sie die Realität an. 

Welche Bedeutung haben Ihrer Ansicht nach Medien beim Mobbing von Forschern mit nicht völlig Mainstream-konformen Thesen? Interessanterweise sind ja relativ viele Journalisten 'gescheiterte' Historiker/Geisteswissenschaftler, die nach dem Studium keine Anstellung im Wissenschaftsbetrieb gefunden haben. Kann es sein, dass gerade solche Leute - aufgrund ihrer Sozialisierung im meritokratisch-hierarchischen Universitätsbetrieb - überdurchschnittlich stark autoritätsgläubig sind und deshalb beispielsweise eher dazu neigen, einem Grabungsleiter mehr Hirn zuzubilligen, als einem Quereinsteiger? 
Meiner Erfahrung nach ist eher das Gegenteil der Fall. Ich persönlich habe keine Veranlassung, über mangelnde Courage der Journalisten oder eine wenig wohlwollende Berichterstattung zu klagen. Von meinem ersten Buch im Jahr 1992 bis heute bin ich von der großen Resonanz überrascht, die meine Thesen in den Medien bekommen. Das könnte im Einzelfall auch damit zu tun haben, dass manche Journalisten selbst vom Universitätsbetrieb enttäuscht worden sind. Ich hoffe aber, dass es vor allem an der Überzeugungskraft der Argumente und deren sorgfältiger Aufbereitung liegt. Auffällig ist allerdings, dass die populärwissenschaftlichen Zeitschriften in Deutschland und in der Türkei, wenn überhaupt, nur abfällig über meine Arbeiten berichten. Wenn man das auf die Präsenz meiner Kritiker in den offiziellen oder inoffiziellen Beratergremien dieser Zeitschriften zurückführen möchte, wüsste ich nicht, was ich dem entgegenhalten sollte. 

Nachdem Ihr Vorhaben sabotiert wurde, die Landschaft um Troja mittels Hubschrauber zu prospektieren, hatten Sie endgültig die Nase voll und stellten Ihre Tätigkeit als Wissenschaftler (vorübergehend) ein. Sie waren damals allerdings nicht der Einzige, gegen den massiv intrigiert wurde. Ein anderer bekannter Name ist Frank Kolb. Der streitbare Althistoriker warf Korfmann öffentlichkeitswirksam vor, er habe archäologische Befunde in Troja quasi herbeihalluziniert. Bestand demnach für den massiv in die Kritik geratenen Chef-Ausgräber die Gefahr, dass speziell Ihre Untersuchungen diese Vorwürfe bestätigen? War ihm deshalb so sehr daran gelegen, Ihr Vorhaben abzuwürgen? Er soll ja Entscheidungsträger regelrecht angefleht haben, Sie zu stoppen ...
Korfmann geriet in eine Zwickmühle: Ich behauptete, Troja sei sehr viel grösser und einflussreicher gewesen, als man bisher meinte; Kolb sagte das Gegenteil. Was auch immer Korfmann herausgefunden hätte, wäre Wasser auf die Mühlen eines seiner Gegenspieler gewesen. – Ursache des Problems war meines Erachtens eine Haltungsfrage: Korfmann sah sich als Besitzer des Interpretationsmonopols in Sachen Troja. Der Archäologe folgte da einem Gesellschaftsmodell des 19. Jahrhunderts. Demnach sind die Ausgräber Alleinherrscher über eine Fundstätte. Sie bestimmen, wer welches Material bearbeiten und wer welche Standpunkte vertreten darf. Korfmann – und wir alle – hätte davon profitiert, wenn er sich stattdessen als Moderator eines Dialogs verstanden hätte. Frank Kolb und ich hätten diametral entgegengesetzte Standpunkte eingenommen. So, wie die Dinge lagen, begannen wir aber sogar Sympathien füreinander zu entwickeln, weil wir uns darin einig sind, dass man Wissenschaft nicht so wie Korfmann betreiben darf. 

Wie schätzen Sie den derzeitigen Grabungsleiter von Troja, den Türken Rüstem Aslan, ein? Hat sich unter ihm die Situation für Ihre Forschungsarbeit gebessert? 
Ich habe Rüstem Aslan nie getroffen, obwohl ich den Kontakt suchte. Ich habe ihm angeboten, ihn zu besuchen, damit wir uns kennenlernen und unsere Standpunkte austauschen können. Er war daran jedoch nicht interessiert. Rüstem Aslan war Doktorand bei Manfred Korfmann und hat einen großen Teil seiner Laufbahn in dessen Team verbracht. In den Medien vertritt er die gleichen verunglimpfenden Ansichten über mich wie sein Doktorvater. Ich sehe keine Verbesserung der Situation. Für mich ist Troja inzwischen uninteressant, solange nicht systematisch außerhalb des Burghügels geforscht wird. 

Ein relativ großes Problem bei der Erforschung der bronzezeitlichen Hochkulturen im östlichen Mittelmeerraum scheint es gewesen zu sein, dass manch bedeutender Fund/Befund nie oder nur stark zeitverzögert das Licht der Öffentlichkeit erblickte. So beschreiben Sie beispielsweise, wie Sir Arthur Evans, der Ausgräber von Knossos (Kreta), zeitlebens die Veröffentlichung der von ihm entdeckten Dokumente in Linear-B-Schrift verhinderte, weil er befürchtete, jemand anders könnte sie vor ihm entziffern. Kommt so ein erbärmliches Verhalten nach Ihrer Erfahrung auch heute noch vor? Verwehrt man der wissenschaftlichen Konkurrenz unter Zuhilfenahme irgendwelcher Vorwände Zugang zu wichtigen Daten?
Ja, daran hat sich nichts geändert – und die Archäologen leiden darunter viel stärker als ich, denn für meine Arbeit spielen Artefakte eine untergeordnete Rolle. Ausgräber und Sammlungskuratoren bestimmen nach Gutdünken, wer Zugang zu Material bekommt und wer nicht. Die luwische Hieroglypheninschrift, die Fred Woudhuizen und ich jetzt erstmals veröffentlicht haben, kannten einzelne Experten seit rund dreißig Jahren. Sie sorgten aber dafür, dass niemand anders davon erfuhr. Neben diesem Machtmonopol gibt es auch das Problem, dass manche Publikationsprojekte zwei bis drei Generationen in Anspruch nehmen. Langsamkeit gilt oft als Ausdruck wissenschaftlicher Sorgfalt. Ich halte das für Unsinn. Ergebnisse sind sowieso immer nur temporär gültig, und die Diskussion muss im Fluss bleiben. Zudem sollten Forscher in der Lage sein, auch in kurzer Zeit sauber und sorgfältig zu arbeiten und zu publizieren.

Selbst die Hethiter verwendeten luwische Hieroglyphen, wie diese Inschrift aus der hethitischen Hauptstadt Hattuša zeigt.
© Oculus Illustration, Zürich | Zum Vergrößern auf das Bild klicken


Auch für die Erforschung der Luwier ist die Kenntnis der überlieferten Schriftzeugnisse von zentraler Bedeutung. Genau in der Hinsicht beinhaltet Ihr Buch eine kleine Sensation, indem Sie nämlich die lange verschollenen und mitunter sogar als Hirngespinst abgetanen Hieroglyphentexte von Beyköy (Türkei) veröffentlicht haben. Vielleicht können Sie uns deren Bedeutung für die Forschung etwas näher erläutern?
Kurz vor dem Erscheinen des Buches traf ich den Schriftexperten Mark Weeden in Zürich. Er sagte mir, dass dieses umfangreiche Dokument über 50 Prozent des gesamten Textmaterials aus der Bronzezeit Kleinasiens ausmachen würde – und dass es praktisch alles über den Haufen werfen würde, was bisher über die Lesung luwischer Hieroglyphen gesagt worden war. Das also ist der Stellenwert des Textes aus linguistischer Sicht. Im Hinblick auf seinen Inhalt löst dieses Dokument – zusammen mit anderen Schriftzeugnissen aus dem Nachlass von James Mellaart – das Rätsel um die politische Geografie Westkleinasiens am Ende der Bronzezeit. Hundert Jahre hat die Forschung mit dieser Aufgabe gerungen. Vor allem erklärt das Dokument aber die Ereignisse rund um den Untergang des Hethiterreichs und die Seevölker-Invasionen, und zwar sehr detailreich. Selbst manche Experten, die sich gegen die Veröffentlichung gestellt haben, bezeichnen den Text als Jahrhundertfund – wenn er denn echt ist. 

Sie sprechen die Echtheit an: Da es sich bei den luwischsprachigen Beyköy-Texten um Abzeichnungen der Original-Funde handelt, könnten Kritiker in der Tat anmerken, man habe es hier eventuell mit Fälschungen zu tun. Wie wahrscheinlich ist das?
Nach meinem heutigen Kenntnisstand besitzt der englische Hieroglyphenexperte David Hawkins seit 1989 eine Kopie des Dokuments. Sein damaliger Freund James Mellaart hatte sie ihm seinerzeit geschickt und ihn um seine Meinung gebeten. Hawkins hat Mellaart damals schon unterstellt, das Dokument gefälscht zu haben; was natürlich das Ende ihrer Freundschaft bedeutete. Dazu muss man sagen, dass Mellaart luwische Hieroglyphen gar nicht lesen konnte. Außerdem deckt sich der Inhalt des Dokuments mit dem Erklärungsmodell für die Seevölker-Invasionen, das ich erstmals 1994 – also fünf Jahre später – vorstellte. Vor allem aber kommt in dem Dokument eine Symbolverwendung zum Einsatz, die mein Kollege und Ko-Autor Fred Woudhuizen erst 25 Jahre später erkannte. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie irgendjemand – und James Mellaart schon gar nicht – eine solche Fälschung zustande gebracht haben könnte.

Sie haben vor wenigen Jahren die gemeinnützige Stiftung Luwian Studies gegründet. Welche Ziele verfolgen Sie mit dieser Stiftung?
Die Stiftung hat nur ein einziges Ziel: die Erforschung der Mittel- und Spätbronzezeit in Westkleinasien zu fördern und ihre Ergebnisse zu kommunizieren. Seit 100 bis 140 Jahren werden die mykenische, die minoische und die hethitische Kultur erforscht. Über den Westen Kleinasiens – wo ja auch Troja liegt – wissen wir hingegen noch immer viel zu wenig. Die Stiftung möchte dazu beitragen, dass diese Wissenslücke geschlossen wird. 

Vielen lieben Dank, dass Sie die Zeit gefunden haben, meinen Lesern und mir so ausführlich Auskunft zu geben.




Wenn euch dieses Interview gefallen hat, dann teilt es doch bzw. empfehlt es weiter 😊
 https://hiltibold.blogspot.com/2017/12/zangger-intrigenstadl-troja-.html



Weitere Informationen zum Thema und dem Gesprächspartner:

Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

Montag, 11. Dezember 2017

2. Gewinner der Advent-Buchverlosung 2017

Der glückliche Gewinner des Buchs "Kleidung des Mittelalters selbst anfertigen - Schuhe des Hoch- und Spätmittelalters" ist: Hannah F.


Eine Teilnahme an der Verlosung der beiden letzten Bücher ist immer noch möglich.

 Weiter Infos

Hörbares: Wie (unsinnig) twittern Archäologen? -- Atlantis in der Nordsee? -- Johann Joachim Winckelmann -- usw.




Radio-Interview: Kommunikation in der Wissenschaft - Wie (unsinnig) twittern Archäologen? | Spieldauer 9 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download
In den Geisteswissenschaften würden angeblich viele befürchten, dass die "neuen Medien" wie Blogs und Twitter negativen Einfluss auf die Seriosität der vermittelten Informationen haben. Nicht für jeden Wissenschaftler liege beim Veröffentlichen die Würze in der Kürze, heißt es.
Ich sehe das anders: Es würde speziell den Geisteswissenschaften nicht schaden, wenn man dort lernen würde, sich grundsätzlich kürzer zu fassen. Das muss ja nicht gleich eine Beschränkung auf 140 Zeichen wie bei Twitter sein.
Freilich, hohles Wortgedrechsel ist seit jeher ein integraler Bestandteil geisteswissenschaftlicher Kommunikation. Schließlich dient es der persönlichen Selbsterhöhung. Ohne diesen Obskurantismus liefe man hingegen Gefahr, dass Außenstehende allzu leicht erkennen, wie bescheiden der wissenschaftliche Output mitunter ist. Und dann hieße es möglicherweise eines Tages: Aber der Kaiser (Herr Professor) hat ja gar nichts an!
Der twitternde Interviewpartner, der auf den schönen Namen Hauke Ziemssen hört, meint, Geisteswissenschaftler könnten die Gesellschaft mit ihren Forschungsergebnissen bereichern und dazu beitragen, auch bei aktuellen Problemen eine differenzierte Betrachtungsweise zu ermöglichen. In der schönen Theorie ist das natürlich zutreffend, nur in der Praxis gilt häufig: Wes Brot ich ess, dessen Lied ich sing. Auch sind Wissenschaftler, trotz entsprechend einstudierter Pose, keineswegs unvoreingenommen; besonders nicht Geisteswissenschaftler, die mehrheitlich noch jedem Zeitgeist hinterhergelaufen sind - wie die Geschichte des 20. Jahrhunderts veranschaulicht. Je relevanter ein Thema für die Gesellschaft ist, umso mehr trifft dies auch heute noch zu. Der interviewte Archäologe belegt hier sein entsprechendes 'Bias' sogleich recht anschaulich mit einem von ihm sicher nicht zufällig bemühten Beispiel (Stichwort 'virtue signalling'), das auf die Relativierung politisch mittlerweile nicht mehr opportuner Fakten abzielt, obwohl sich diese doch als nahezu allgegenwärtige Brandhorizonte in den archäologischen Schichten der spätantiken Völkerwanderungszeit manifestieren ...
Übrigens: Zu den mitunter eher unseriösen Machenschaften in der archäologischen Forschung wird am kommenden Mittwoch im Rahmen des Blogs ein interessantes Interview veröffentlicht, das ich kürzlich mit dem deutschen Geoarchäologen und Buchautor Eberhard Zangger geführt habe. Äußerst negative Erfahrungen mit Berufskollegen hatten ihn sogar dazu veranlasst, vorübergehend seine Forschungsaktivitäten einzustellen.

Lag Atlantis in der Nordsee? | Spieldauer 7 Minuten |  RB | Stream & Info | Direkter Download

Damit konnte doch keiner rechnen – Stifels Weltuntergang | Spieldauer 27 Minuten | Das geheime Kabinett | Stream & Info | Direkter Download

Diskussion: Der Erfinder der Antike – Wer war Johann Joachim Winckelmann? | Spieldauer 44 Minuten |  SWR | Stream & Info | Direkter Download

Johann Joachim Winckelmann: Schöne Welt, wo bist Du? | Spieldauer 55 Minuten | RBB | Stream & Info | Direkter Download

Zum 300. Geburtstag: Winkelmann im russischen Wolfspelz | Spieldauer 6 Minuten | WDR | Stream & Info | Direkter Download

Einfalt und stille Größe - Winckelmann und das antike Schönheitsideal | Spieldauer 25 Minuten | RBB | Stream & Info | Direkter Download

Wissenschaftstransfer im Mittelalter | Spieldauer 15 Minuten |  RBB | Stream & Info | Direkter Download

Das antike Alexandria - Suche nach der verlorenen Weltstadt | Spieldauer 15 Minuten |  RBB | Stream & Info | Direkter Download

—————–

Sonntag, 10. Dezember 2017

Videos: Richard Löwenherz, Ritter oder Rabauke? -- Archäologische Blockbergung eines Fürstengrabes -- 2500 Jahre alte Moorleiche -- Das Federseemuseum

Ausstellung in Speyer: Richard Löwenherz - Ritter oder Rabauke? | viele Videos unterschiedlicher Länge | SWR | Stream & Info
Mit dabei ist hier natürlich wider Stefan Weinfurter; neben Johannes Fried scheinbar der einzige herzeigbare Mittelalterhistoriker in ganz Deutschland - zumindest lässt seine TV-(Omni-)Präsenz das vermuten 😃
Übrigens: Den wirklich sehr interessanten Begleitband zur Ausstellung bezeichnen die Herausgeber als neues deutsches Standardwerk hinsichtlich Richard Löwenherz. Ob das tatsächlich so ist, kann ich nicht beurteilen, da mir die Vergleichsmöglichkeiten fehlen. Die Besprechung erfolgt hier im Blog jedenfalls Anfang des kommenden Jahres.

50 Tonnen schwere archäologische Blockbergung eines bronzezeitlichen Fürstengrabes | Spieldauer 3 Minuten | MDR | Stream und Info

Moora - eine 2500 Jahre alte Moorleiche | Spieldauer 3 Minuten | SWR | Stream und Info

Das Federseemuseum: Rekonstruktionen von Hütten aus der Stein-, Bronze-, und Eisenzeit | Spieldauer 2 Minuten | SWR | Stream und Info
In dem Beitrag wird die nicht unwichtige Frage gestellt, wie authentisch die Rekonstruktionen sind. Irgendwer hat hier im Kommentarbereich des Blogs einmal geschrieben, bei den Bauten des Federseemuseum hätte man Fundamente aus Beton verwendet. Ich weiß nicht ob und wie weit das zutreffend ist, aber hier wird jedenfalls nichts dergleichen erwähnt.
—————–

 Mehr Videos

Freitag, 8. Dezember 2017

Buch: Die Keilschrift und ihre Entzifferung



Über einen Zeitraum von mehr als drei Jahrtausenden wurde die sogenannte Keilschrift im vorderen Orient von den verschiedensten Völkern, Reichen und Dynastien verwendet. Zu nennen sind hier beispielsweise Sumerer, Akkader, Assyrer, Babylonier, Perser, Seleukiden und Parther. Von ihrer Entstehung in Uruk (Irak) um 3400 v. Chr. bis zu ihrem Verschwinden ca. im 1. Jh. n. Chr war die Keilschrift in ihrem Erscheinungsbild mehrfach einem Wandel unterworfen, was - neben anderen Faktoren - ihre Entzifferung lange erschwerte. Und obwohl hierbei im 19. und frühen 20. Jahrhundert große Fortschritte gemacht wurden, hat die Keilschrift bis heute noch nicht alle ihre Geheimnisse preisgegeben.

Bei Verwendung wird um die Nennung der Quelle gebeten: HILTIBOLD.Blogspot.com
Im Büchlein Die Keilschrift und ihre Entzifferung (Buske Verlag) wird auf rund 50 Prozent der 48 Seiten die Forschungsgeschichte behandelt. Angefangen beim italienischen Adeligen Pietro della Valle, der 1621 im Nahen Osten Keilschriftzeichen kopierte, bis hin zu Wissenschaftlern wie Jules Oppert, der für die Enträtselung der sumerischen Variante der Keilschrift verantwortlich zeichnete.
Daneben geht es aber auch um Beschreibstoffe, die Ausbildung der Schreiber und um die Besonderheiten von Keilschriftalphabeten wie jenem des bronzezeitlichen Stadtstaates Ugarit (Syrien). Auch Beispiele für Wörter und Texte in Keilschrift sind enthalten. Am Rande wird überdies auf die Entwicklung hin zum modernen (lateinischen) Alphabet eingegangen, wie die obige Grafik sehr schön zeigt (hier wird der aufmerksame Leser auch sofort erkennen, wo der tatsächliche Ursprung des Wortes "Alphabet" liegt).


Fazit: Alles in allem ist das reichhaltig illustrierte Büchlein als kleine Einführung in die Thematik nicht unbedingt schlecht, allerdings bin ich mit der Gewichtung nicht ganz glücklich. Für meinen Geschmack wurde der reinen Forschungsgeschichte und ihren Protagonisten zu viel Raum gewidmet. Der Kaufpreis beträgt 10 Euro.


Inhaltsverzeichnis:

Einleitung
Danksagung
Die Verwendung der Keilschrift
Chronologisches Gerüst
Die Wiederentdeckung des Alten Orients
Erste Versuche der Entzifferung der Keilschrift
Die Entzifferung des Altpersischen
Die Inschrift des Tiglat-Pileser I., entziffert im Jahr 1857
Jules Oppert (1825-1905)
Die drei britischen Gelehrten
Akkadisch: Die Verwendung einer syllabischen Keilschrift
Sumerisch und seine Entzifferung
Die Erfindung des Alphabets
Die Tontafeln
Die unterschiedlichen Schriftträger
Die Ausbildung der Schreiber
Die Werke der Schreiber
Autoren
Literaturhinweise

—————–

Weiterführende Informationen:



Weitere interessante Themen:

Donnerstag, 7. Dezember 2017

1. Gewinner der Advent-Buchverlosung 2017


Der glückliche Gewinner des Buchs "Das Fränkische Heer der Merowingerzeit - Teil 1" ist:  Gerald J. 


Da ich gefragt wurde, ob man statt nur per E-Mail nicht auch über Facebook an der Verlosung teilnehmen kann: Eigentlich war das nicht vorgesehen, weil ich Facebook so wenig wie möglich in meine Bloggerei einbinden möchte. Aber wer will, der kann mir auch auf Facebook eine Nachricht schicken. Sein Name kommt dann ebenfalls in den Topf. Noch sind ja drei Verlosungen ausständig. Teilnehmen kann man bis unmittelbar vor der Verlosung des letzten Buchs am 23. Dezember.

Weiter Infos

Mittwoch, 6. Dezember 2017

Jesus und der Essigschwamm: Im Religionsunterricht bei der Kreuzigung falsch abgebogen



Ich mochte den Religionsunterricht in der Schule. Man bekam alleine fürs halbwegs still Dasitzen ein "Sehr gut" ins Zeugnis geschrieben. Ein ordentlicher Leistungsnachweis musste nicht erbracht werden - so ähnlich also wie mittlerweile bei vielen geisteswissenschaftlichen Studien 😊.
Rückblickend stellt sich mir freilich immer öfter die Frage, inwieweit das, was uns damals im Unterricht erzählt wurde, auf Tatsachen beruhte. Nein, gemeint sind hier nicht die in den Evangelien geschilderten Wunder, sondern Detailinformationen, die auf den ersten Blick relativ banal bzw. profan erscheinen, bei genauerer Betrachtung jedoch manch biblischer Story einen 'Twist' geben, der den Intentionen der Evangelisten widerspricht.

Beispielsweise erinnere ich mich noch gut daran, wie uns unsere Lehrerin - eine sehr nette Frau - in schillernden Farben jene Marter beschrieb, die Jesus im Zuge seiner Kreuzigung erdulden musste. Unter anderem hieß es, ein römischer Soldat (Stephaton) habe dem Gekreuzigten einen an einem Stock befestigten Schwamm mit Essigwasser als 'Erfrischung' unter die Nase gehalten. Uns Schülern wurde das als eine Art sadistische Verhöhnung des Leidenden vermittelt. Denn wer käme schon auf die Idee, freiwillig an einem Schwamm mit Essigwasser zu saugen? Pfui Teufel!
Doch weit gefehlt, denn ausgerechnet in der römischen Armee wurde das von den Soldaten in Feldflaschen mitgeführte Trinkwasser mit Essig angereichert. Dieses Gemisch namens posca löschte angeblich nicht nur den Durst besser, sondern der Essig wirkte überdies antibakteriell! Wobei laut Livius auch Roms Gegner, nämlich die Soldaten des berühmten karthagischen Feldherren Hannibal, bei der Alpenüberquerung Essigwasser tranken (und mit Essig auch gleich Felsen wegsprengten). Es handelt sich also um keine rein römische Marotte. 
Aber zurück zum eigentlichen Thema: Jener mit Essigwasser vollgesogene Schwamm, der Jesus gereicht wurde, war ein Zeichen des Mitleids, nicht des Sadismus. Meiner Religionslehrerin war das offensichtlich nicht klar. Und - darauf möchte ich wetten - vielen ihrer Kollegen geht es auch heute noch so. Wer an solchen Wissenslücken die Hauptschuld trägt - die Lehrer selbst oder ihre ehemaligen Professoren an den Unis - vermag ich nicht zu sagen. Zu Vernachlässigen ist dieses Unwissen jedenfalls nicht, handelt es sich doch ausgerechnet bei der Kreuzigung um ein zentrales Ereignis der christlichen Religion.

Beinahe gleich oft missverstanden wird die Handlungsweise eines weiteren Soldaten (Longinus), der Jesus im Zuge der Kreuzigung eine Lanze in die Seite stieß. Auch das geschah aus Mitleid! Denn Gekreuzigte starben in der Regel nicht an Blutverlust, der vom 'Annageln' herrührte, sondern vielmehr erstickten sie langsam und qualvoll. Dieser Vorgang konnte sich über Tage hinziehen. Der bei der Kreuzigung von Jesus beschriebene Lanzenstich des Soldaten verkürzte also die Qualen auf drastische, aber wirkungsvolle Weise. 
Näheres zum Erstickungstod am Kreuz findet sich in meinem Blogbeitrag mit dem Titel: Die Fersen ans Kreuz genagelt


Am Schluss noch ein paar kleine Zusatzbemerkung: Die oben verwendete Darstellung (HQ) aus dem Rabbula-Evangeliar beinhaltet einige schöne Details bezüglich merowingerzeitlicher Kleidung, Frisuren und Waffen. Darunter, im Falle des Longinus, ein eigenartiger 'Gürtel', der wie ein um die Mitte gewickeltes, verknotetes Tuch aussieht.
Bemerkenswert ist auch, dass der rechte 'Legionär' (Stephaton mit dem Essigschwamm) eine ungegürtete Tunika trägt. Galt das doch in der römischen Armee als Zeichen der Entehrung und wurde dementsprechend gezielt als Strafmaßnahme eingesetzt. Ob dies dem mittelalterlichen Künstler bekannt war? Wahrscheinlich nicht.
Antikisierende Elemente könnten sich ebenfalls eingeschlichen haben, wie z.B. die Tuniken der links und rechts Gekreuzigten vermuten lassen. Die dunklen 'Flecken' schauen mir nämlich stark nach typisch spätantiken Zierstickereien aus. Wobei andererseits dergleichen zur Entstehungszeit des Evangeliars noch nicht gänzlich aus der Mode war - zumindest im Oströmischen Reich. Kurz gesagt: Interessant, aber nichts Genaues weiß man nicht ...

—————–

Weitere interessante Themen auf diesem Blog: