Montag, 25. Mai 2015

Buch: Der 2. Punische Krieg - Ab urbe condita, Buch 21-28 (von Titus Livius)


In den Büchern 21-30 seines Geschichtswerks Ab urbe condita schildert Titus Livius ausführlich den 2. Punischen Krieg (218 - 201 v. Chr.). Leider lässt die Veröffentlichung der beiden letzten Bücher (29 und 30) seit geraumer Zeit auf sich warten, sodass ich sie hier nicht miteinbeziehen kann. Auf Anfrage erklärte mir der Reclam-Verlag, dass es 2016 endlich so weit sein könnte. Wie auch immer, dieses häppchenweise, über etliche Jahre verteilte Publizieren von eng zusammengehörenden Texten ist suboptimal und geht mir ein wenig auf den Keks. Doch ich schweife ab.

Ein Historiker im modernen Sinn war Livius († um 17 n. Chr.) nicht. Da es ihm ein Anliegen war, seine Leserschaft im Sinne einer moralischen Erneuerung Roms zu belehren, neigt er beispielsweise dazu, Begebenheit, die seiner Deutung der Geschichte widersprechen, einfach unter den Teppich zu kehren. Wobei sich freilich die Frage stellt, ob es wirklich immer er selbst gewesen ist, der vertuschte und sogar umdichtete, oder ob die von der modernen Forschung kritisierten Ungereimtheiten nicht teilweise bereits in jenen alten Quellen zu finden waren, auf die Livius zurückgriff. Da er diese allerdings nur selten nennt - und die meisten ohnehin nicht mehr existieren - ist eine entsprechende Überprüfung schwierig bis unmöglich. Interessanterweise gibt Livius jedoch gelegentlich selbst quellenkritische Kommentare ab und weist auf mitunter stark abweichende Überlieferungen bestimmter Ereignisse hin.

Zwar sind allzu blutige Details nicht nach Livius' Geschmack, trotzdem wird bei seinen Schilderungen rasch klar, wie überaus grausam der Krieg zwischen Römern und Karthagern tobte. Die Bewohner einer widerspenstigen oder vertragsbrüchigen Stadt durften für gewöhnlich mit keiner Gnade rechnen: Die erwachsene männliche Bevölkerung wurde nicht selten abgestochen, die Frauen verkaufte man (nach erfolgter Vergewaltigung) mitsamt ihren Kindern in die Sklaverei. Besonders eindrücklich war für mich die Beschreibung eines Massakers, das die römische Garnison der sizilianischen Stadt Henna verübte. Angeblich befürchtete der Kommandant Verrat und ließ auf den bloßen Verdacht hin alle Einwohner niedermetzeln, nachdem sich diese ahnungslos auf dem Hauptplatz eingefunden hatten. Selbst Livius, der normalerweise klar die römische Sichtweise vertritt, scheint von diesem Vorfall peinlich berührt zu sein und möchte der offiziellen Version - die auf prophylaktische "Notwehr" hinausläuft - keinen rechten Glauben schenken.
Während die schrecklichen Geschehnisse in Henna längst in Vergessenheit geraten sind, ist der Tod des berühmten Gelehrten Archimedes nach wie vor vielen Menschen im Gedächtnis. "Störe meine Kreise nicht", soll er gesagt haben, bevor ihn ein Soldat bei der Erstürmung von Syrakus erschlug. Angeblich handelte es sich nur um ein "Versehen", allerdings hege ich diesbezüglich gewisse Zweifel. Schließlich war es genau dieser Archimedes, der den Römern mit seinen Verteidigungsmaschinen immense Schwierigkeiten bereitet hatte, wie Livius sehr detailliert berichtet. Manch Soldat könnte daher eine gewisse Wut auf den gelehrten Griechen im Bauch gehabt haben...

Die unzweifelhaft berühmteste Gestalt des 2. Punischen Krieges ist Hannibal. Unter seiner Führung wurden bei Cannae zehntausende Römer - darunter unzählige Mitglieder der Oberschicht - getötet. Allerdings stellte es bereits für Livius ein Rätsel dar, dass der karthagische Feldherr nach diesem gewaltigen Erfolg nicht sofort Rom selbst angriff, um durch die Einnahme der Hauptstadt den Krieg zu beenden. Zwar ist es nur meine persönliche Spekulation, aber möglicherweise waren ihm die massiven Befestigungen ein zu großes Hindernis. Schließlich bestand für die Karthager die nicht zu unterschätzende Gefahr, dass ihnen während einer allzu lange andauernden Belagerung die vereinigten Reste der in Italien stehenden römischen Truppenverbände in den Rücken fallen.
Doch warum auch immer Rom geschont wurde, Hannibal tanzte seinen Feinden noch viele Jahre lang auf der Nase herum, bis er bei Zama (Nordafrika) von Scipio Africanus entscheidend geschlagen wurde. Bedauerlicherweise ist diese Episode in einem der beiden noch unveröffentlichten Bücher zu finden...

Fazit: Livius' Schreibstil ist leicht verdaulich, die moderne Übersetzung von Ursula Blank-Sangmeister unterstreicht dies zusätzlich. Es schadet jedoch nicht, gelegentlich einen Blick in den lateinischen Text auf der jeweils gegenüberliegenden Seite zu werfen. So kann man festzustellen, wie weit sich die Übersetzerin zugunsten einer besseren Leserlichkeit vom Original entfernt hat. Ebenfalls ein wichtiges Hilfsmittel sind die reichlich vorhandenen Endnoten. Als Quelle scheint hier vor allem Jakob Seiberts Hannibal-Biografie gedient zu haben.
Alles in allem ist diese Reclam-Ausgabe sehr gut gelungen, allerdings ziehe ich bei der Bewertung einen Punkt für die suboptimale Veröffentlichungspraxis des Verlages ab. Weiters fällt auf, dass die neuen Einbände (siehe Bild ganz rechts) aus einem noch billigeren bzw. weicheren Karton gemacht sind, als es bisher bereits üblich war. Diese Pfennigfuchser. 

Hinweis: Neben Livius ist für das Studium des 2. Punischen Krieges der Autor Polybios bzw. dessen Historien unverzichtbar.  Leider hat Reclam die überlieferten Bücher dieses Werkes nicht vollständig in seinem Angebot. Lediglich das 6. Buch, welches sich mit der Verfassung der Römischen Republik beschäftigt, wurde bisher publiziert.
Übrigens, von den billigen, aber sichern nicht günstigen Ausgaben des Marix-Verlages kann ich nur dringend abraten! Die Übersetzungen stammen zumeist noch aus dem 19. Jahrhundert und sind daher in einem schwülstigen, nur schwer leserlichen Deutsch geschrieben. Auch Fuß- bzw. Endnoten sucht man vergebens.

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