Sonntag, 28. August 2016

Campus Galli - Ein tolldreistes Medienmärchen

Kürzlich entdeckte ich im Online-Archiv der längst verblichenen AZ (Arbeiter-Zeitung) folgenden historischen Artikel aus dem Jahr 1979:
"Die Österreicher haben ein zwiespältiges Verhältnis zu den Journalisten: sie glauben in ihrer Mehrzahl, die journalistische Arbeit sei für die Demokratie wichtig, gleichzeitig schätzen sie den Journalistenberuf äußerst niedrig ein. Nur Beamte sind weniger angesehen, hinter den Schauspielern rangieren die Journalisten am vorletzten Platz der Prestigeskala..."  (Quelle)
Heute, 37 Jahre später, kann kaum noch die Rede von "zwiegespalten" sein. Begriffe wie "stinksauer" und "angewidert" dürften die Gefühle der meisten Medienkonsumenten weitaus besser beschreiben. Zu dramatisch ist in ganz Europa der journalistische Qualitätsverlust, als dass er hätte unbemerkt bleiben können.

Ohne das Framing von Nachrichtenagenturen oder Wikipedia ist der moderne Durchschnittsjournalist längst aufgeschmissen. Wie ein kleines Kind möchte er bei der 'Recherche' (= copy & paste) an die Hand genommen werden, um dann seinerseits, zusammen mit den anderen hauptberuflichen Meinungströten, die Öffentlichkeit gleichzurichten.
Zwar gibt es aufgrund staatlicher Subventionen eine gewisse Medienvielfalt, aber keine ausgeprägte Meinungsvielfalt; zumindest nicht im Bereich der immer noch (zu) mächtigen Alt-Medien - wie z.B. dem Print und dem Öffentlich-rechtlichen Rundfunk (von bösen Zungen auch als Öffentlich-lächerlicher Dummfunk bezeichnet). 

Ein anschauliches Beispiel für das armselige Niveau des heutigen Journalismus liefert die mit viel Steuergeld subventionierte, hier schon mehrfach kritisierte Mittelalter-Baustelle Campus Galli: Von wenigen Ausnahmen abgesehen, handelt es sich bei der Berichterstattung darüber um kaum mehr als redaktionelle Werbung.
Was der geneigte Medienkonsument von dieser Propaganda hält, interessiert die involvierten Herausgeber und Journalisten offenbar nur peripher. So wunderte ich mich beispielsweise lange Zeit, warum sich unter den einschlägigen Online-Artikeln der Tageszeitung Südkurier (Medienpartner des Campus Galli) keine Leserkommentare finden. Nachdem ich mir unlängst die außerordentlich umfangreichen Kommentarregeln dieser Postille etwas näher angesehen habe, kam mir freilich ein Verdacht. Dort steht nämlich u.a. geschrieben:
Ruf- und geschäftsschädigende Inhalte dürfen ebenso wenig verbreitet werden wie Beiträge mit werblichem oder kommerziellem Charakter.
Die Bewertung
(was geschäftsschädigend ist) liegt ausschließlich beim Südkurier.
Wenn man die Pobacken nur fest genug zusammenkneift und sich ganz doll anstrengt, dann könnte bereits die Aussage, der Campus Galli ist unwissenschafltich, als geschäftsschädigend interpretiert werden; schließlich gehen die selbstzertifizierten Klosterbaumeister in Meßkirch gerne mit gegenteiliger Behauptung auf Besucherfang.
Da obige Klausel den wackeren Verteidigern der freien Rede immer noch nicht zu genügen scheint, legt man in gewohnt schwammiger Weise nach:
Darüber hinaus lassen wir auch Beiträge nicht zu bzw. sperren Nutzer, die zwar nicht explizit gegen eine der Regeln verstoßen, aber nicht konstruktiv zur Diskussion beitragen, diese stören oder deren Kommentare keinen Bezug zum Inhalt des kommentierten Artikels haben. 
Der Jurist nennt so etwas einen Gummiparagraphen. Wie es jedoch scheint, hat sich der Campus Galli hier den absolut richtigen Partner ins Boot geholt. Nämlich einen, der dazu tendiert Kritik gar nicht erst zuzulassen.

Aber nicht nur mit kritischen Zeitungslesern scheint der Südkurier wenig Freude zu haben. Vielmehr können selbst die eigenen Journalisten ins Fadenkreuz der Zensur geraten; etwa wenn diese sich erdreisten, lokale Politgrößen mit Fragen zu behelligen, die vom Chefredakteur als wenig opportun eingestuft werden: Link 1, Link 2
Doch es kommt noch dicker: Der Südkurier entblödet sich nicht, prophylaktisch Interviews zu 'unterschlagen', um in vorauseilendem Gehorsam seiner Anzeigen-Kundschaft gefällig zu sein. Wenn es dafür schon zu spät ist, schreibt man im Nachhinein heimlich, still und leise den als problematisch eingestuften Text komplett um - beispielsweise damit der Campus Galli eine weniger lächerliche Figur abgibt; so zitierte man eine Fremdenführerin ursprünglich wie folgt:
"Da diese Brenntechnik aus der Römerzeit, dem 9. und 10. Jahrhundert, stammt, war es ein richtiges wissenschaftliches Projekt ..."
Das 9. und 10. Jahrhundert, also der Zeitraum in dem der Campus Galli ungefähr angesiedelt ist, gehört in die Römerzeit? Ah ja ^^. Nachdem ich in einem kurzen Blogbeitrag auf diese Peinlichkeit hinwies, was zweifellos beim Campus Galli registriert wurde (die lesen hier nämlich voller Begeisterung mit), ersetzte die Zeitung den betreffenden Artikel kommentarlos durch einen neuen Text. Doch auch der enthält Fehlinformationen - denn wie eine Leserin dieses Blogs sofort bemerkte, wird das Brennen von Tongefäßen in Gruben unzulässig verkürzt und somit falsch beschrieben:
Bisher brannten die Campus-Töpfer ihre Keramik mit dem sogenannten Grubenbrand, bei dem das getöpferte Gut in heiße Asche gelegt wurde, was im Ergebnis eine blau-schwarze Färbung ergab und viel Ausschuss erbrachte. (Quelle)
Nein, die getöpferten Tongefäße werden nicht einfach in heiße Asche gelegt und dadurch gebrannt. Vielmehr gestaltet sich der Vorgang weitaus komplizierter

Dieses Beispiel veranschaulicht sowohl die äußerst bescheidene Qualität der vom Campus Galli praktizierten Museumspädagogik wie auch das armselige journalistische Niveau der Tageszeitung Südkurier. Scheinbar haben sich hier zwei gefunden, die bestens zusammenpassen. 
Doch wird wohl mehr hinter dieser Partnerschaft stecken, als der beiderseitige Hang zur Schlamperei. Nicht unwahrscheinlich ist nämlich, dass der Südkurier für seine genehme Hofberichterstattung von den in das Bauprojekt tief verstrickten politischen Parteien und Funktionsträgern 'belohnt' wird. Schließlich zählen diese zu den wichtigsten Anzeigekunden - und wie sehr der Südkurier bereit ist, auf deren Befindlichkeiten prophylaktisch Rücksicht zu nehmen, zeigte ja bereits das oben verlinkte Beispiel; wobei dieses natürlich nicht das einzige seiner Art ist. Ein ehemaliger Redaktionsleiter des Südkurier berichtet nämlich folgendes:
Die Denke des Medienhauses – und das betrifft bei Gott nicht nur den Südkurier – hat bei den Regionalzeitungen zu einem Verlust des wichtigsten Kapitals geführt: der Glaubwürdigkeit, die auf dem Altar des verzweifelten Versuchs geopfert wird, angesichts sinkender Abo-Zahlen und Anzeigenumsätze die Kohle zu retten. Ich würde nie das Wort Lügenpresse unterstützen und lehne es ab. Aber die Menschen/Leser spüren einfach, dass die Darstellungen der Regionalzeitungen häufig geschönt sind, um des Umsatzes willen. Bitte nur nirgends anecken. (Quelle)
So ist es also kein Wunder, dass die Berichterstattung über den Campus Galli reichlich lobhudlerisch ausfällt.

Ebenso stark wie der Südkurier trommelt die Schwäbische Zeitung für die sogenannte Karolingische Klosterstadt. In mancherlei Hinsicht geht man dabei geschickter als die Konkurrenz vor. Auch sind Leserkommentare möglich, obwohl in diesen der Campus Galli überwiegend kritisiert oder verspottet wird.
Sogar die hauseigene Redakteurin C. Wolber erlaubte sich noch vor wenigen Jahren, das defizitäre Bauprojekt gelegentlich zu kritisieren; etwa für jenes definitiv nicht gehaltene Versprechen, demzufolge der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn im Vordergrund stünde (in Wirklichkeit ist es der Tourismus). Doch mittlerweile schreibt Frau Wolber nichts mehr über den Campus Galli, stattdessen hat diese Aufgabe vor allem ein gewisser Herr Musolf übernommen. Der beeindruckt freilich nicht mit kritischem Journalismus, sondern neigt sehr dazu, den mit vielen Problemen kämpfenden Campus Galli in ein möglichst rosiges Licht zu tauchen. So gehört es beispielsweise zu Musolfs absoluten Spezialitäten, aktuelle Besucherzahlen in ähnlich euphorischer Weise zu vermelden, wie einst die Deutsche Wochenschau versenkte Bruttoregistertonnen.
Das registriert der lokale, mit Parteienförderungen vollgesogene Polit-Filz zweifellos anerkennend, und dem zukünftigen Schalten von Anzeigen und Bekanntmachungen bei der Schwäbischen Zeitung steht nichts im Wege. Wie heißt es bei Asterix doch so schön: "Lucrifacturi te salutant!" ;)

Damit kein Sand in das gut geschmierte geölte Getriebe der politisch-medialen Kungelei rieselt, bohren Herr Musolf und die Schwäbische Zeitung selbst dann nicht konsequent tiefer, wenn sich die Indizien bereits bis zur Decke stapeln. Etwa im Falle des von mehreren Bürgern erhobenen Vorwurfs, wonach Mitarbeiter der Stadt Meßkirch immer wieder zeitaufwendige Tätigkeiten für den Campus Galli erledigen würden (etwa beim städtischen Bauhof oder der Tourist-Information), ohne diese ordnungsgemäß in Rechnung stellen zu dürfen (dazu hier ein anderes Mal mehr Details!). Ist diese in den Raum gestellte versteckte Zusatzfinanzierung des privaten Vereins Campus Galli (Karolingische Klosterstadt e.V.) denn keine weitere Recherche wert?
Auch findet ausgerechnet Herr Musolf, der laut seiner Vita irgendwann einmal Geschichte studiert hat, nichts dabei, wenn der Campus Galli die Öffentlichkeit nach Strich und Faden vergackeiert, indem immer wieder schnöde Museumspädagogik in den Rang eines wissenschaftlichen Experiments erhoben wird: Siehe z.B. den Bau eines kleinen Töpferofens, den man in mehreren Gefälligkeitsartikeln frenetisch bejubelte, obwohl dieser Lehmhaufen aus wissenschaftlicher Sicht völlig bedeutungslos ist; schließlich wurde anderenorts derlei schon zigfach erprobt und dokumentiert!

Da die missbräuchliche Verwendung des Begriffs "Experimentalarchäologie" vor allem einschlägig Vorgebildeten sofort ins Auge springt, setzte es auch auf der Facebook-Präsenz des Campus Galli entsprechende Kritik von einer archäologischen Zeichnerin. Die Verantwortlichen reagierten mit betretenem Schweigen und überließen es stattdessen Dritten, die Kastanien aus dem Feuer zu holen - was allerdings reichlich misslang.

Quelle des Zitats

Ein wichtiger Unterschied zwischen seriöser Experimentalarchäologie und dem Campus Galli ist eben, dass bei ersterer das empirische Erkenntnisinteresse im Vordergrund steht, während es bei letzterem vor allem um die mediale Inszenierung, die Steigerung des Besucherinteresses sowie die damit verbundenen Mehreinnahmen geht.
Doch anstatt den vom Campus Galli verbreiteten Megastuss mit einer journalistischen Kopfnuss zu quittieren, verlegen sich die beiden lokalen Käseblätter Südkurier und Schwäbische Zeitung aus fragwürdigen Gründen lieber darauf, die salbungsvollen Sprachblasen von Hannes Napierala, seines Zeichens Geschäftsführer der prekären Mittelalterbaustelle, unkritisch nachzuplappern. Wir schaffen das, suggeriert dieser promovierte Mundwerksbursche, seit er 2014 dem mittlerweile ausgeschiedenen Projektinitiator vor die Nase gesetzt wurde. Wenn man schon nicht, wie angekündigt, 2018 aus den roten Zahlen herauskommt, weil eventuell die prognostizierten Pro-Kopf-Einnahmen Quark sind, dann eben irgendwann ...
Mich erinnert diese Mischung aus Zweckoptimismus und autoaktivem Realitätsverlust an den Ausspruch eines bekannten deutschen Publizisten mit jüdischen Wurzeln:
"Das kommt einem so vor wie das Warten der Juden auf den Messias: Man muss sich so benehmen als käme er morgen, man weiß aber genau, es wird nicht passieren."
Der Campus Galli ist vor allem ein medial inszenierter Hype, der sich aus phantastischen Ankündigungen und Versprechungen speist, die in der Regel nicht gehalten werden. So geht man mit der Behauptung auf Besucherfang, rund 50 Gebäude, die auf dem frühmittelalterlichen Klosterplan von St. Gallen eingezeichnet sind, würden in einem Zeitraum von 40 Jahren gebaut werden.
Nun befindet man sich aber bereits in der vierten Saison - will heißen, ein Zehntel der Zeit ist bald um - und noch kein einziges dieser Gebäude steht (das kleine Holzkirchlein, an dem man träge herumwerkelt, ist übrigens kein Bestandteil des St. Galler Klosterplans). Und selbst das wenige bisher Errichtete, wie etwa eine winzige Schmiede (in der Form ebenfalls nicht Teil des Klosterplans), war bereits nach drei Jahren ein Fall für die Abrissbirne und musste aufwendig repariert werden. Das kostet Zeit und Geld - beides fehlt infolge an anderer Stelle: Beispielsweise musste der Bau einer Scheune schon dreimal (!) auf das jeweils nächste Jahr verschoben werden.
Auch konnte der Campus Galli bisher nicht zweifelsfrei belegen, dass die befristete Beschäftigung mehrere Langzeitarbeitsloser (1-Euro-Jobber) zu deren anschließender Vermittlung am Arbeitsmarkt geführt hätte. Das Fehlen eines entsprechenden Kausalitätsnachweises ist überaus problematisch, schließlich geriert man sich in der Öffentlichkeit als guter Samariter, woraus sich nicht nur die eigene berufliche Existenzberechtigung, sondern auch der steuerbegünstigende Status eines gemeinnützigen Vereins ableitet.
Diskussionswürdig ist im Zusammenhang mit der angeblichen Gemeinnützigkeit auch, dass der Geschäftsführer Hannes Napierala unbestätigten Informationen zufolge pro Monat ein Gehalt von rund 4000 Euro beziehen soll - womit er einer der größten Kostenfaktoren des hochdefizitären Projekts wäre, das ohne jährliche Betriebskostenzuschüsse der Öffentlichen Hand nicht überlebensfähig ist. Alleine in der Saison 2016 fließen laut Medienberichten 265000 Euro - mögliche versteckte Zuschüsse durch ausgelagerte Tätigkeiten, s.o., nicht mitgerechnet.
Hier stellt sich natürlich die Frage: Ist der Geschäftsführer wenigstens sein Gehalt wert, über das er sich bezeichnenderweise ausschweigt? Gewiss verfügt der gute Mann über einige Qualitäten (er versteht sich beispielsweise darauf, recht geschickt mit Worten zu hantieren), doch ist es ein Zeichen für Kompetenz und Eignung, dass man ihm unmittelbar nach seiner Einstellung für geraume Zeit einen "Berater" namens Thomas Schlude an die Seite stellen musste?
„Er hatte neben seinem Hauptberuf als selbständiger Finanzberater während der letzten Monate dem neuen Geschäftsführer hauptsächlich in kaufmännischer Hinsicht Hilfestellung und Einweisung gegeben. (Quelle)
Ein teurer Geschäftsführer, der monatelange betriebswirtschaftliche "Hilfestellung" benötigt? Ob es sich demzufolge bei Hannes Napierala wirklich um eine optimale Peraonalentscheidung handelt? Oder haben sich die politischen Geldgeber vielmehr von der Promotionsurkunde des Archäozoologen (sic!) beeindrucken lassen, wie das bei eher schlicht formatierten Gemütern häufig vorkommt?
Übrigens, Napieralas Nachhilfelehrer Schlude, der interessanterweise gleichzeitig Stadtrat von Meßkirch (dem Standort des Campus Galli) ist, soll seine Tätigkeit ebenfalls nicht für einen Apfel und ein Ei erledigt haben, sondern erhielt dem Vernehmen nach ein hübsches, von seinen Freunden im Stadtrat abgenicktes Sümmchen aus dem Topf des Steuerzahlers.

Beim Campus Galli genießt das kluge Haushalten mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen keine übermäßige Priorität. Allzu genau weiß man nämlich, dass es sich die Politik aus Gründen des Machterhalts nicht leisten kann, dem Projekt den Geldhahn zuzudrehen: Ein in Konkurs gehender Campus Galli, in den Millionen an Förderungen gepumpt wurden, würde das lokale Machtgefüge empfindlich verändern. Es handelt sich hierbei also um eine Art Berliner Hauptstadtflughafen in klein. 

Wie konnte es so weit kommen? Nun, der Projekt-Initiator, ein eloquenter Journalist, hielt es offenbar für wichtiger, sich eng mit Politikern und Medienmachern zu verzahnen, anstatt ein tragfähiges Konzept zu entwickeln. Zwei Überlegungen dürften dabei eine Rolle gespielt haben:
1. Die mit dem Campus Galli verbandelten Lokalmedien fungieren als Multiplikatoren - und wie ja bereits eingangs erwähnt wurde, ist der moderne Journalist längst zum Kopisten degeneriert, der nur allzu gerne das abschreibt, was ihm seinesgleichen vorsetzt. Sogar ein Filmemacher wurde geschickt vor den Karren des Projekts gespannt. Nachdem jüngst sein im SWR ausgestrahlter pseudo-dokumentarischer PR-Film über den Campus Galli auf große Zustimmung der politischen Geldgeber des Bauprojekts stieß, darf er sich laut einer Zeitungsmeldung für einen geplanten zweiten Teil auf öffentliche Fördergelder freuen (wes Brot ich ess, des Lied ich sing). 
2. Mit einer wohlgesonnenen Presse im Rücken fällt es dem Campus Galli leichter, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Evident wurde dies zum ersten Mal, als die Besucherzahlen und Einnahmen weit hinter jenen Prognosen zurücklagen, die als Basis für die von der Politik bewilligte Anschubfinanzierung dienten. Südkurier und Schwäbische Zeitung verhielten sich in dieser Situation auffällig handzahm, lediglich vom Bund der Steuerzahler war deutlich formulierte Kritik zu vernehmen, nachdem er sich bei Hiltibold mit Informationen versorgt hatte ;)
Doch die in das Projekt eingebetteten Lokalmedien manipulieren ihre Leser zugunsten des Campus Galli längst nicht nur durch das Verschweigen unbequemer Fakten, sondern behumpsen auch im herkömmlichen Sinn. So hieß es etwa unlängst über die kleine Holzkirche der Möchtegern-Klosterstadt:
"Die ausschließlich mit im neunten Jahrhundert bekannten Methoden erbaute Kirche fasziniert durch die Art ihrer Entstehung [...]." (Quelle)
Diese Behauptung ist schon starker Rauschtrank, denn in den Gebäudefundament stecken Stahlarmierungen, die zweifellos nicht mit den Baumethoden des 9. Jahrhunderts konform gehen (hier ist es auch nicht von Belang, wenn diese Beifügungen vom Campus Galli mit Sicherheitsbedenken begründet werden). Auch wurden zwei Klosterteiche auf dem Gelände - ganz unmittelalterlich - mittels Schaufelbagger ausgehoben. Usw. usf.
Warum deckt die Presse diese Dinge? Nun, für den Campus Galli ist das Herausstreichen möglichst großer Authentizität ein äußerst wichtiger Marketing-Aspekt. Die Haus- und Hof-Schreiber sind sich dessen bewusst und sekundieren daher artig. So muss dann der Hauptkritikpunkt auch nicht unbedingt die mangelnde Authentizität sein, sondern vielmehr die öffentliche Darstellung des Projekts, die ganz auf Verschleierung und Beschönigung abzielt. Dinge wie den Einsatz von Baggern und Traktoren gestand man in der Vergangenheit immer erst dann ein, nachdem sie in diesem Blog enthüllt wurden. Daher möchte ich mich ich auch besonders bei all jenen bedanken, die mir immer wieder die entsprechenden Informationen zukommen lassen. Ohne diese Helfer wäre meine nun schon drei Jahre andauernde, kritische Begleitung des Campus Galli nur sehr eingeschränkt möglich.

Fazit: Es bleibt zu hoffen, dass sich die Öffentlichkeit vom hier geschilderten Filz aus Politik und journalistischem Anzeigen-Prekariat, der sich wie eine Tarnvorrichtung um den Campus Galli gelegt hat, nicht dauerhaft für dumm verkaufen lässt.
Ähnliche, von Medien aus purem wirtschaftlichem Eigennutz verschwiegene Unwissenschaftlichkeit und Misswirtschaft findet sich freilich bei vielen mit Steuergeld subventionierten Museen und fragwürdigen Vereinen. All das dort versickernde Geld fehlt anderenorts - wie beispielsweise im Bereich der archäologischen Forschung und dem Denkmalschutz. 

—————–

18. November 2013: Geurtens Mund, tut Nonsens kund
15. Jänner 2014: Bund der Steuerzahler kritisiert Campus Galli
22. April 2014: Die  Zahlenmagier vom Campus Galli
29. April 2014: Der Campus Galli - Ein pseudowissenschaftliches Laientheater
02. Juni 2014: Campus Galli: The show must go on!
04. August 2014: Hannes Napierala - Der neue Geschäftsführer des Campus Galli
10. September 2014: Der Campus Galli ist kein wissenschaftliches, sondern ein touristisches Projekt!
12. Dezember 2014: Der Campus Galli und seine Mittelalterversteher - Ein Fass ohne Boden
26. Jänner 2015: Gastbeitrag von Hannes Napierala: Zum Selbstverständnis des Projekts Campus Galli 
30. Jänner 2015: Campus Galli: Nachbetrachtungen und neuer Unsinn von einem alten Bekannten
23. März 2015: Des Klosters neue Kleider - außen hui, innen pfui
12. Oktober 2015: Das potemkinsche Dorf Campus Galli - Ein kritischer Jahresrückblick
25. Oktober 2015: Weltsensation - Campus Galli rekonstruiert mittelalterlichen Traktor!
01. November 2015: Kauf dir ein paar Kritiker: Die fragwürdigen Jobangebote des Campus Galli
10. April 2016: Campus Galli: Offener Brief an den Geschäftsführer Hannes Napierala
28. August 2016: Der Campus Galli - Ein tolldreistes Medienmärchen

Alle meine Beiträge über den Campus Galli - inkl. der hier nicht gelisteten Kurzmeldungen


Ausgewählte externe Beiträge und Artikel:

Karfunkel: Causa Galli - Was ist los am Bodensee? - OFFLINE
Aachener Zeitung: Dunkle Wolken über der Klosterstadt - Klick mich
Bund der Steuerzahler: Kommt die Kloster-Katastrophe? - OFFLINE
Zollern-Alb-Kurier: Meßkirch muss nachschießen - OFFLINE
Tribur.de (Geschichte und so Zeugs):  Die Akte Campus Galli - Klick mich
Agis kritischer Bildbericht vom Campus Galli: Klick mich
Tribur.de (Geschichte und so Zeugs): Spiegel Geschichte und der Campus Galli - Klick mich
Badische Zeitung: Mittelalter-Stadt "Campus Galli" - Weniger Besucher, mehr Kritik - Klick mich (TIPP)

Freitag, 26. August 2016

Ende der Sommerpause

Das frisch renovierte Colosseum in Rom (Ende August 2016)
Keine Rechte vorbehalten, um die Nennung der Quelle wird jedoch gebeten: HILTIBOLD.Blogspot.com

Mein Urlaub ist zu Ende. Die vergangenen Wochen habe ich nicht nur vertrödelt, sondern u.a. auch dazu genutzt, um zwei Interviews sowie mehrere weitere Texte vorzubereiten. Richtig los geht es hier kommenden Sonntag mit einem ausführlichen Blogbeitrag über die allseits beliebte Mittelalterbaustelle Campus Galli :)

Montag, 25. Juli 2016

Ich mag nicht mehr

Das Blog geht in eine ungeplante und lange Sommerpause. Ich mag zurzeit einfach nicht über triviale Geschichtsthemen bloggen, während Europa von merkbefreiten Ideologen und politisch klar zuordenbaren Meinungströten mit Vollgas an die Wand gefahren wird. 

Wahrscheinlich im September geht es hier wieder weiter, bis dahin wünsche ich allen Lesern einen schönen Sommer - sofern das in der jetzigen Situation möglich ist.

PS: Kommentare werden auch weiterhin freigeschalten, aber nur mit längerer Verzögerung.

Hörbares: Das Mittelalter in Multicolor -- Die Bremer Kogge -- Kosmos und Mythos



Das Mittelalter in Multicolor | Spieldauer 27 Minuten | BR | Stream & InfoDirekter Download

Die Bremer Kogge und die die Hanse | Spieldauer 12 Minuten | BR | Stream & InfoDirekter Download

Kosmos und Mythos | Spieldauer 21 Minuten | BR | Stream & InfoDirekter Download

Sonntag, 24. Juli 2016

"Mustius, der Walker, trug die Tünche auf." - Wahlplakate im antiken Pompeji



Wahlkampf mittels Plakaten 

In den relativ autonomen Städten des Römischen Reichs war es üblich, die höchsten politischen Ämter jedes Jahr mittels Wahlen neu zu besetzen. Ein fast permanenter Wahlkampf dürfte die Folge dieser Praxis gewesen sein. Besonders in den Wochen vor dem Urnengang häuften sich die entsprechenden Anzeichen; dann begegnete man Männern in schneeweißen Togen, anhand derer man sie als Kandidaten identifizieren konnte (diese spezielle Toga hieß toga candida, von der sich die Bezeichnung Kandidat ableitet). Und es schwärmten Plakatmaler aus, die in roter oder schwarzer Farbe Wahlslogans auf Hausfassaden malten (der Begriff "Plakat" wird hier von mir eher großzügig verwendet, denn eigentlich handelt es sich um Graffiti). Vor allem in der vom Vesuv verschütteten Stadt Pompeji haben sich viele Beispiele dafür erhalten. Die Mitteilungen folgten einem fast standardisierten Schema: Angegeben wurde der Name des Kandidaten sowie die von ihm angestrebte politische Position - in der Regel die des Ädilen oder Duumvir.
Dass die Plakatmaler wohl nicht immer von den Wahlwerbern selbst beauftragt wurden, lässt sich dem Umstand entnehmen, dass zum Teil auch die Namen von Unterstützern genannt werden. Beispielsweise heißt es: "Africanus und Victor setzen sich dafür ein, Marcus Carrenius zum Ädilen zu wählen." 


Dirty campaigning?

Was mag davon zu halten sein, dass auf der Außenmauer einer 'Bar' zu lesen stand, mehrere Frauen - die dort möglicherweise als Bardamen/Prostituierte arbeiteten - würden sich für einen bestimmten Kandidaten aussprechen? Handelte es sich um einen Witz? Oder haben wir es hier gar mit 'dirty campaigning' zu tun? Sollte dem politischen Gegner eine übermäßige Nähe zum Horizontalen Gewerbe angedichtet werden? Letztere Annahme ist naheliegend, denn just auf einem dieser Wahlplakate wurde der Name einer Frau von eventuell fragwürdiger Moral nachträglich übermalt; den unverfänglichen Rest des Slogans ließ man unangetastet.
Es finden sich freilich noch weitaus eindeutigere Beispiele für derlei humorvolle Negativpropaganda - wenn nämlich "Taschendiebe", "entlaufene Sklaven" oder "die Müßiggänger" zur Wahl eines Kandidaten aufforderten.


Frauen mit politischem Interesse?

Frauen durften nicht wählen, geschweige denn sich selbst in ein Amt wählen lassen. Umso bemerkenswerter ist es, dass sich auf immerhin 50 von 2500 erhaltenen pompejanischen Wahlplakaten Frauen oder Gruppen von Frauen für einen Kandidaten stark machten.
Freilich, teilweise handelte es sich dabei wohl um üble Scherze - siehe das bereits oben angeführte Beispiel - oder um Verwandte, wie im Fall des Lucius Pompidius Secundus, der bei seiner Kandidatur für das Ädilen-Amt von seiner Großmutter unterstützt wurde. In vielen anderen Fällen können solche verwandtschaftlichen Beziehungen allerdings nicht nachgewiesen werden. Zeigten hier demnach einige Frauen in der Öffentlichkeit ein aktives politisches Interesse? Vielleicht, doch wissen wir nicht, ob die Sympathiebekundungen auf Wahlplakaten - egal ob sie nun von einem Mann oder einer Frau stammten - echter Freiwilligkeit entsprangen. Genauso gut könnten dabei Abhängigkeitsverhältnisse eine wichtige Rolle gespielt haben.


Hohle Phrasen

Mitunter wurden die von bestimmten Personen in Auftrag gegebenen Wahlaufrufe auch begründet, allerdings handelte es sich dabei zumeist um hohle Phrasen, wie "er wird ein guter Ädil sein", "er wird das Geld der Stadt nicht verschwenden" oder "er liefert gutes Brot". Unklar bleibt, ob beim letzten Beispiel gemeint ist, dass der Kandidat (in seiner Bäckerei) gute Backwaren herstellt oder er dem Volk eine Brotspende als Wahlgeschenk zukommen ließ.


Verfluchte Schmierfinken

Für die Wahl-Graffiti bevorzugte man Gebäude an den Hauptausfallstraßen, die von besonders vielen Menschen frequentiert wurden; das Einverständnis der Hauseigentümer darf hier zumeist angenommen werden, da anderenfalls nicht genehmigte Slogans schnell hätten übermalt werden können.
An den Ausfallstraßen, jenseits der Stadtgrenze, befanden sich auch die Grabmäler der verstorbenen Einwohner. Manch Plakatmaler scheute nicht davor zurück, selbst darauf politischen Botschaften zu pinseln. Immer wieder stoßen wir daher auf Warnungen und Verwünschungen der vorausschauenden Verstorbenen. So lautet etwa eine Inschrift: "Es ergehe dir wohl, Schmierfink, wenn du an diesem Grab vorübergehst!"
Doch auch die Plakatmaler selbst scheinen befürchtet zu haben, dass ihre Arbeit von der Konkurrenz übermalt wird, wie folgende Drohung belegt: "Wenn ihr das böswillig zukleistert, soll euch etwas Schlimmes passieren!"


Wer waren die Plakatmaler?

Da etliche Plakate eine Signatur aufweisen, kennt man heute rund dreißig der Maler namentlich. Beispielsweise heißt es in einem Fall: "Mustius, der Walker, trug die Tünche auf." 
Demzufolge war die Plakatmalerei in der Regel wohl kein Fulltime-Job, sondern wurde nebenbei ausgeübt. Die Unterschrift diente eventuell als Leistungsnachweis, um dafür später ein an die Anzahl der Plakate gebundenes Honorar zu kassieren.
Auch scheinen einige Maler - oder sollte man sie PR-Beauftragte nennen? - feste Reviere gehabt zu haben: Die von einem gewissen Aemilius Celer signierten Kundmachungen - die nicht nur politische Wahlen betrafen - finden sich nämlich vor allem im nördlichen Pompeji. Dort wurde sogar sein Wohnhaus entdeckt, auf dem geschrieben steht: "Hier wohnt Aemilius Celer".


Die letzte Wahl vor dem Untergang Pompejis

Rund 2500 Wahlplakate wurden in Pompeji bisher entdeckt. Ein Dutzend davon ist sogar in oskischer Sprache, was auf ein relativ hohes Alter hindeutet. Der Großteil ist jedoch lateinisch und stammt aus der Zeit kurz vor dem Untergang der Stadt.
Forscher versuchten anhand der Wahlplakate eine Liste jener Männer zu erstellen, die kurz vor dem Untergang Pompejis politisch tätig waren. Möglich ist dies deshalb, weil viele Plakate/Graffiti Jahr für Jahr mit weißer Farbe übertüncht wurden, auf die man dann die Slogans der jeweils aktuellen Wahlkampagne schrieb. So ergibt sich eine Schichtung, die eine bedingte chronologische Zuordnung bzw. Reihung der Kandidaten zulässt.
Für das Schicksalsjahr 79 n. Chr. ergibt sich daraus, dass Marcus Sabellius Modestus und Gnaeus Helvius Sabinus gemeinsam für die zwei Posten als Ädilen kandidierten. Ihre Gegner waren Lucius Popidius Secundus und Gaius Cuspius Pansa. Als Duumviri bewarben sich Gaius Gavius Rufus und Marcus Holconius Priscus; da sie scheinbar keine Gegenkandidaten hatten, darf ihre Wahl zwar als relativ gesichert gelten, doch den Amtsantritt verhinderte der katastrophale Vesuvausbruch.

—————–

Weiterführende Literatur:

Weitere interessante Themen auf diesem Blog: 

Donnerstag, 21. Juli 2016

Krimskrams: Festival der Spätantike in Carnuntum -- Warnung vor Wikipedia!



Veranstaltungstipp: Festival der Spätantike

Im wunderschönen Archäologischen Park Carnuntum - der durch umfangreiche Rekonstruktionen römischer Gebäude besticht - findet vom 04. August bis zum 07. August 2016 das Festival der Spätantike statt. Rund 100 Living-History-Darsteller aus sieben Ländern werden daran mitwirken und die Anlage beleben: Nähere Informationen

Das in der Nähe von Wien gelegene Freilichtmuseum Carnuntum ist ein Ort, zu dem ich auch eine vergleichsweise lange Anfahrt immer wieder gerne in Kauf nehme. Besonders das Festival der Spätantike würde ich äußerst gerne besuchen, allerdings ist bereits abzusehen, dass ich vermutlich verhindert sein werde. Äußerst schade! :(

Wer jedoch Zeit hat, und außerdem gutes Living History in einem tollen Ambiente schätzt, der sollte sich diese Veranstaltung nicht entgehen lassen!

—————–

Warnung vor Wikipedia

Auf dem Internetauftritt der Fakultät für Statistik der Universität Dortmund schreibt Prof. Walter Krämer:

Zitate aus der deutschen Wikipedia sind ab jetzt in akademischen Abschlussarbeiten an meinem Institut nicht mehr erlaubt. Anders als die englische wird die deutsche Wikipedia von Ideologen dominiert. Außerdem steckt sie in vielen Artikeln zu Wirtschaftswissenschaften und Statistik voller Fehler. Generell ist das Niveau von Artikeln zur Statistik weit unterhalb einer Bachelorarbeit an unserer Fakultät. 

Und dieses dürftige Niveau trifft bedauerlicherweise nicht nur für die Bereiche Wirtschaftswissenschaft und Statistik zu. Denn der Hauptunterschied zwischen einem seriösen wissenschaftlichen Autor und vielen (deutschsprachigen) Wikipedia-Schreiberlingen ist, dass ersterer empirisch belegte Fakten erklären möchte, während bei letzeren Indoktrination und Selbstdarstellung im Vordergrund stehen.

—————–

Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

Mittwoch, 20. Juli 2016

Hörbares: Der Kult um das beste Stück -- Über die Frühzeit der Landwirtschaft -- Die ersten Religionen -- Geschichte des Bartes -- Die Entstehung der Sprache

Der Kult um das beste Stück | Spieldauer 23 Minuten | BR | Stream & Info, Direkter Download

Über die Frühzeit der Landwirtschaft - Vom Pfeil zur Hacke | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info, Direkter Download

Die ersten Religionen - Zu den Wurzeln des Glaubens | Spieldauer 19 Minuten | BR | Stream & Info, Direkter Download

Der Bart - Eine haarige Sache mit Geschichte | Spieldauer 23 Minuten | BR | Stream & Info, Direkter Download

Die Entstehung der Sprache - Auf der Suche nach dem ersten Wort  | Spieldauer 21 Minuten | BR | Stream & Info, Direkter Download

Dienstag, 19. Juli 2016

Video: Dreynschlag und mittelalterlicher Gerichtskampf zwischen Mann und Frau

Heute möchte ich auf den Youtube-Kanal der österreichischen HEMA- und Living-History-Gruppe Dreynschlag hinweisen, wo in überaus anschaulicher Weise spätmittelalterliche Fechtübungen und Schwertkampftechniken vorgeführt werden. Grundlage dafür bildet das bekannte Fechthandbuch von Hans Talhoffer (ca. 1420 bis 1490).



Ebenfalls im Fechthandbuch von Talhoffer finden sich Illustrationen, in denen der aus heutiger Sicht höchst merkwürdig anmutende Gerichtskampf zwischen Mann und Frau dargestellt wird. Wohl um für Chancengleichheit zu sorgen, musste sich der Mann in ein Loch stellen 

Quelle:Wikimedia.org


Wie dieser "Kampf der Geschlechter" in der Praxis aussieht, wird ebenfalls in einem Video von Dreynschlag gezeigt und erklärt. Actionreich wird die Vorführung beispielsweise bei 08:33, 09:20, 11:15, 12:35,...



—————–

Sonntag, 17. Juli 2016

Stolpersteine beim Datieren: Münzen und Keramik



Eigentlich besuche ich museale Veranstaltungen weniger gerne, weil das in der Regel den Aufwand bzw. die Anfahrt nicht lohnt. Vorträge höre ich mir lieber - entschleunigt und maximalentspannt wie ein Campus-Galli-Angestellter - auf der Couch oder im Bett an; wozu gibt es schließlich das Internet? 
Gelegentlich lande ich freilich trotzdem in Museen oder Vortragssälen, um andächtig den Ausführungen von Experten zu lauschen. Was ich allerdings kürzlich bei einer dieser Veranstaltungen zu hören bekam, ließ mich nachdenklich mein Hinterteil kratzen, während meine Begleitung, ein gelernter Archäologe, dezent seufzte. Grund: Die Vortragende, eine Master-Studentin der Archäologie, fütterte das Publikum im Rahmen einer Führung mit folgenden Aussagen, die ich hier sinngemäß wiedergebe und zum Anlass nehme, um mit ein paar kleineren 'Mythen' aufzuräumen.


1. Wenn wir eine Münze im Boden finden, dann ist das natürlich immer etwas Besonderes, weil genauere Anhaltspunkte zur Datierung archäologischer Strukturen gibt es kaum.

Stimmt diese optimistische Aussage? Na ja, in dieser undifferenzierten Form eher nicht, denn besonders Münzen müssen mit Argwohn betrachtet werden. Die Gründe hierfür sind u.a.:
  • a) Münzen finden sich überdurchschnittlich häufig in gestörten Schichten, von wo aus sie kaum in einen verlässlichen Kontext mit 'benachbarten' Objekten aus ungestörten bzw. geschlossenen Schichten gebracht werden können; siehe die obige Abbildung: Stammt die Münze auf dem Acker ursprünglich aus der ersten, zweiten oder dritten Schicht, die allesamt vom Pflug durcheinandergewirbelt wurden? Ein ähnliches Problem ergibt sich mit den Objekten in der bereits im Mittelalter ausgehobenen und wieder verfüllten Grube, die links eingezeichnet ist.
  • b) Münzen sind klein und verhältnismäßig schwer, daher sinken sie in lockeren Böden schneller als andere Objekte. So können sie in Schichten auftauchen, zu denen sie eigentlich in keiner direkten Beziehung stehen. Bsp: Eine römische Münze der Kaiserzeit gelangt durch Absinken in eine 200 Jahre älteren Schicht der vorrömischen Eisenzeit. Ist diese Schicht nicht durch andere Objekte exakt datierbar, kann es zu chronologischen Fehlschlüssen des Ausgräbers kommen. 
  • c) Bestimmte Tiere sammeln kleine, glänzende Objekte und verschleppen sie. Das kann etwa dazu führen, dass eine Münze der Karolingerzeit in eine Ruine der Merowingerzeit gelangt. Eine falsche Datierung dieser Ruine wäre dadurch möglich. 
Da also einzelne Münze nahezu überall auftauchen können, eignen sie sich für umfassende Datierungen nur eingeschränkt. In vielen Fällen sagen sie nur etwas über das eigene Alter aus.


2. Die älteste Keramik, die man bei Ausgrabungen innerhalb einer griechischen Siedlung gefunden hat, stammt aus den letzten drei Jahrzehnten des 6. Jh. v. Chr. Deshalb muss diese Siedlung auch damals gegründet worden sein.

Der Namen der betreffenden Siedlung ist mir entfallen; er ist aber auch nicht von großer Bedeutung, da es hier um den nicht gerade korrekt vermittelten Eindruck gehen soll, wonach die älteste entdeckte Keramik ein verlässlicher Anhaltspunkt für das Gründungsdatum einer Siedlung sei.
Normalerweise findet man die älteste Keramik in der tiefsten archäologischen Schicht, doch es gibt etliche Ausnahmen. Etwa wenn in der Römerzeit für das Aufschütten eines Straßendammes Aushubmaterial verwendet wurde, das bronzezeitliche Objekte enthielt. Diese landeten dann nämlich über der eisenzeitlichen Schicht bzw. direkt unter der römischen; also an einem Ort, wo sie aus chronologischer Sicht eigentlich nicht hingehören.
Ob man weiters bei einer archäologischen Grabung - die flächenmäßig fast immer nur vergleichsweise kleine Bereiche erfassen kann - tatsächlich auf die älteste Schicht gestoßen ist, nachdem man besonders tief gegraben hat, lässt sich häufig nicht mit Bestimmtheit sagen. Denkbar ist, dass anderenorts noch zeitlich weiter zurückliegende Spuren vorhanden sind; doch selbst wenn diese entdeckt werden, müssen Zweifel bleiben, denn vor der eigentlichen Siedlungsgründung könnte es beispielsweise eine Phase gegeben haben, in welcher der Platz nur vorübergehend genutzt wurde. Gefundene Keramikfragmente stammen eventuell aus genau dieser Zeit.

Z.T. sind auch an den keramischen Objekten selbst - mit deren Hilfe archäologische Schichten ja besonders gerne datiert werden - Zweifel angebracht. So wurde beispielsweise in einer griechischen Kolonie eine Vase entdeckt, auf der sich die aufgemalte Kartusche des ägyptischen Pharaos Apries fand. Voreilig ordnete man diese vermeintliche Importware seiner Regierungszeit (589 - 570 v. Chr.) zu. Wie sich jedoch später herausstellte, war der Königsname falsch geschrieben worden. Es handelt sich daher mit hoher Wahrscheinlichkeit um ein später hergestelltes Stück, das von einem Griechen stammte, der die ägyptische Schrift bestenfalls rudimentär beherrschte. Die hübsche Dekoration mit der Kartusche sollte vermutlich nur den Absatz fördern. 

Weil die Datierung von Keramikobjekten anhand ihres Aussehens (Stils) nicht immer so verlässlich ist, wie es wünschenswert wäre (in der Fachwelt gibt es dazu mancherlei Diskussionen) wird mitunter auf das Thermolumineszenz-Verfahren zurückgegriffen, das seit den 1960er-Jahren in der Archäologie Verwendung findet. Das Problem hierbei: Die Ungenauigkeit ist relativ hoch. Für die Klassische Archäologie scheidet diese Form der Datierung daher oft aus. Bei Urgeschichtlern, die nicht auf Jahrzehnte genau datieren müssen, sondern weitaus größere Zeiträume betrachten, fällt dieser Mangel nicht ganz so schwer ins Gewicht
Ansonsten wird das Thermolumineszenz-Verfahren auch zur Überprüfung der Echtheit von Keramikobjekten benutzt. Völlig verlässlich ist hier das Ergebnis allerdings nicht, da mittels (aufwendiger) radioaktiver Bestrahlung recht gute Fälschungen hergestellt werden können.


Zusammenfassung

Archäologie ist keine exakte Wissenschaft, auch wenn sie sich zunehmend mit naturwissenschaftlichen 'Brimborium' umgibt, das dem Laien - sicher nicht immer ungewollt - den Anschein von Exaktheit und Unfehlbarkeit vermittelt. Den meisten Archäologen sind die methodischen Unzulänglichkeiten natürlich bekannt, aber in der Regel kommunizieren sie diese nicht gerade 'offensiv' nach außen. Ebenso Problematisch ist, dass Ausgräber dazu neigen, die archäologischen Befunde mit historischen Berichten in Übereinstimmung bringen zu wollen. Durchaus kann hier von "Zurechtbiegen" gesprochen werden.
Es ist aus diesen Gründen ratsam, die veröffentlichte "Expertenmeinung" immer mit Vorsicht zu genießen - natürlich auch abseits der Archäologie. Denn obwohl es seit einigen Jahrzehnten als intellektueller Schick verkauft wird, so stellt blinde Wissenschaftsgläubigkeit letztendlich wohl doch keine immense Verbesserung zu inbrünstiger Religiosität und Gottvertrauen dar.

—————–

Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

Donnerstag, 14. Juli 2016

Krimskrams: Verblödungsmaschinerie Campus Galli? -- "Unterwerfung des Mannes zu der Frau" -- Kulissen als Welterbe

Verblödungsmaschinerie Campus Galli?

Vom pseudomittelalterlichen Bauprojekt Campus Galli ist man mittlerweile ja viel Schmarrn gewöhnt. Dass die Möchtegern-Mönche im baden-württembergischen Meßkirch in Sachen Unfähigkeit freilich immer noch kräftig nachlegen können, zeigt ein aktueller Bericht der Tageszeitung Südkurier. Unter der Überschrift "Töpfern wie zur Römerzeit", wird eine Fremdenführerin zitiert, die einer Schulklasse den neu errichteten Töpferofen des Campus Galli wie folgt erklärt:
"Da diese Brenntechnik aus der Römerzeit, dem 9. und 10. Jahrhundert, stammt, war es ein richtiges wissenschaftliches Projekt ..."
Schlimm genug, dass die gute Frau nicht zwischen Wissenschaft und schnöder Museumspädagogik unterscheiden kann. Dass sie dann aber auch noch die Römerzeit ins 9. und 10. Jahrhundert verlegt, ist freilich an Peinlichkeit kaum noch zu überbieten. Ist ihr nicht aufgefallen, dass sie damit den ebenfalls im 9. Jahrhundert angesiedelten Campus Galli von der Karolingerzeit in die Antike transferiert?
Man möchte gar nicht wissen, mit welchem Unsinn die armen Kinder bei ihrem Besuch sonst noch gefüttert wurden ...

Die mangelnde Kompetenz der Mitarbeiter wurde schon häufig kritisiert. So war etwa der Vorgänger des derzeitigen Töpfers nicht einmal in der Lage, einem Journalisten die typischen Temperaturen seines Feldbrandes zu nennen. 
Ganz offensichtlich hat es die Geschäftsleitung des Campus Galli nicht geschafft, seit dem Projektstart vor vier Jahren die Qualität des Personals umfassend zu heben. Lieber verlegt man sich auf lächerliches Namedropping und weist gebetsmühlenartig auf den ominösen wissenschaftlichen Beirat hin, dieses unbekannte Wesen, das irgendwo weitestgehend geräuschlos im Hintergrund schwebt und sich keinen Deut darum schert, wie das mit viel Steuergeld subventionierte Projekt in der Praxis umgesetzt wird. So darf diese Truppe naiver Dilettanten mit Unterstützung eines abgehobenen Ortskaisers und zweier lokaler Käseblätter auch weiterhin ihr Unwesen treiben.

Update: Der inkriminierte Artikel des Südkuriers wurde mittlerweile kommentarlos umbenannt und zusammengestrichen, inklusive der besonders peinlichen, oben zitierten Passage. Welche Schlüsse soll der geneigte Leser aus dieser Nacht-und-Nebel-Aktion ziehen? Für eine saubere Erklärung ist sich die Zeitung offensichtlich zu schade.

—————–

"Unesco steht Kopien zerstörter Bauten in Palmyra kritisch gegenüber" ...

... titelt die österreichische Tageszeitung "der Standard": Klick mich

In der Tat, warum sollte eine nachgebaute Kulisse uneingeschränkten "Welterbe"-Status erhalten? Man muss Obacht geben, dass hier nicht eine Art Büchse der Pandora geöffnet wird. 


—————–

"Unterwerfung des Mannes zu der Frau"

Nordbayern.de berichtet von immer mehr Studenten, deren universitäre Eignung stark bezweifelt werden darf: Klick mich

Nun würde ich mich nicht gerade als absoluten Meister der deutschen Rechtschreibung und Grammatik bezeichnen, aber wenn ausgerechnet eine Germanistikstudentin ein Referat abliefert, in dem eine der Überschriften "Unterwerfung des Mannes zu der Frau" lautet, dann darf wohl selbst ich den Kopf schütteln.

Aber he, Hauptsache die Akademikerquote wird gesteigert. Die Welt braucht schließlich noch mehr Bürokräfte mit Bachelor-Abschlüssen und promovierte Archäozoologen, die drittklassigen Mittelalterparks vorstehen.

—————–

Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

Mittwoch, 13. Juli 2016

Video: Mathematik in Mesopotamien

Mathematik in Mesopotamien (Spieldauer jeweils 4-11 Minuten, L.I.S.A.)

In dieser vierteiligen Doku des Wissenschaftsportals L.I.S.A. geht man unter anderem der Frage nach, über welches mathematische Wissen die Gesellschaften der frühen Antike verfügten. Zu den Videos

Montag, 11. Juli 2016

Hörbares: Das Neumagener Weinschiff -- Wie alt ist der Knochen? -- Die ältesten Witze der Welt -- Miauende Nonnen und andere Besessene -- Rembrandt




Das Neumagener Weinschiff und die deutsche Weinkultur | Spieldauer 12 Minuten | BR | Stream & InfoDirekter Download

Wie alt ist der Knochen? - Naturwissenschaften und Archäologie | Spieldauer 24 Minuten | BR | Stream & Info, Direkter Download

Die ältesten Witze der Welt | Spieldauer 12 Minuten | angegraben | Stream & Info, Direkter Download

Miauende Nonnen und andere Besessene | Spieldauer 14 Minuten | angegraben | Strean & Info, Direkter Download

Rembrandt van Rijn - Der Maler der "Nachtwache" | Spieldauer 22 Minuten | BR | Direkter Download