Mittwoch, 28. September 2016

Videos: Zeitreise ins Mittelalter -- Haithabu -- Schmied auf Zeitreise

Zeitreise ins Mittelalter (Beitrag über zwei Living-History-Hobbyisten) | Spieldauer 6 Minuten | BR/ARD | Stream & Info

Haithabu: Auf den Spuren der Wikinger | Spieldauer 6 Minuten | NDR/ARD | Stream & Info

Schmied auf Zeitreise (Bericht über den Teilzeitschmied und Vereinsvorsitzenden des Lieblingsklosters dieses Blogs) | Spieldauer 4 Minuten | SWR | Stream & Info 

Dienstag, 27. September 2016

Hörbares: Eroberer Lope de Aguirre -- Interview mit Mittelalter-Fan -- Inka-König Atahualpa -- Der Kult der Muttergöttin -- Kulturgeschichte der weiblichen Keuschheit

Der Eroberer Lope de Aguirre - Auf der Suche nach dem Eldorado | Spieldauer 23 Minuten | BR | Stream & InfoDirekter Download

Interview mit dem Mittelalter-Fan Sven Suft | Spieldauer 51 Minuten | BR/ARD | Stream & InfoDirekter Download

Atahualpa - Der letzte König der Inka | Spieldauer 23 Minuten | BR | Stream & Info, Direkter Download

Der Kult der Muttergöttin - Gebieterin der Dunkelheit | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info, Direkter Download

Mythos Jungfrau - Eine Kulturgeschichte der weiblichen Keuschheit | Spieldauer 23 Minuten | BR | Stream & Info, Direkter Download

Sonntag, 25. September 2016

Lochsteine: Uralte Wegweiser zu verborgenen Gangsystemen? - Ein Interview mit Heinrich Kusch

Heinrich Kusch vor einem 1,7 Meter hohen, 'geköpften' Menhir im Gebiet der steirischen Gemeinde Schachen. | Abbildung: aus Versiegelte Unterwelt (2014) - (C) Heinrich Kusch / Verlag V. F. Sammler | Bearbeitung: HILTIBOLD.Blogspot.com

Vor einem Jahr besprach ich hier die beiden Sachbildbände Tore zur Unterwelt und Versiegelte Unterwelt. Darin dokumentiert der steirische Höhlenforscher, Urgeschichtler und Archäologe Heinrich Kusch seine umfangreiche Forschungsarbeit, die den bisherigen Kenntnisstand zu einigen Aspekten der menschlichen Vorgeschichte zumindest hinterfragenswert erscheinen lässt.
In meiner damaligen Rezension der Bücher konzentrierte ich mich vor allem auf das Thema Erdställe, allerdings ohne die mit diesen Gangsystemen in enger Verbindung stehenden "Lochsteine" einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Das soll nun nachgeholt werden.

Der Begriff "Lochstein" wird von Heinrich Kusch als ein spitz zulaufender, bis zur Hälfte eingegrabenen Menhir definiert, in dessen oberem Drittel sich mindestens ein von Menschenhand gemachtes Loch befindet, welches bei unveränderten Originalsteinen einen Durchmesser von 3 bis 3,5 cm hat. Bei einigen Exemplaren wurde es (im Rahmen einer späteren Sekundärnutzung) erweitert, um beispielsweise eiserne Halterungen mit quadratischen Querschnitt aufzunehmen. Die Löcher liegen meist 1 bis 1,5 m über dem heutigen Bodenniveau (siehe die nachfolgenden Abbildungen). 

Links: Nachträglich versetzter Lochstein in der Gemeinde Kleinschlag/Eichberg (heute Gemeinde Rohrbach an der Lafnitz). Mitte: Ein 1,8 Meter aus dem Boden herausragender Lochstein bei der Gemeinde Puchegg. Inklusive dem nicht sichtbaren Teil könnte seine Gesamtlänge bis zu 3 Metern betragen. Rechts: Lochstein oberhalb eines alten Hohlweges in der Gemeinde Vornholz. Wie schon bei dem Exemplar auf dem Bild in der Mitte ist auch hier die Spitze bereits zerstört. Ob durch Verwitterung oder Menschenhand ist nicht mehr feststellbar. | Abbildungen: aus Tore zur Unterwelt (2009) und Versiegelte Unterwelt (2014) - (C) Heinrich Kusch / Verlag V. F. Sammler | Bearbeitung: HILTIBOLD.Blogspot.com

Geraume Zeit ging man relativ einhellig davon aus, dass die heute noch in der Landschaft stehenden Lochsteine allesamt aus dem Spätmittelalter oder der Neuzeit stammen und vor allem als Tor- bzw. Gattersteine dienten. Doch handelt es sich dabei wirklich um das tatsächliche Alter und den ursprünglichen Verwendungszweck? Zweifel an dieser Theorie sind berechtigt, nachdem Heinrich Kusch vor wenigen Jahren mittels aufwändigen TCN-Datierungen erstmals ein wesentlich höheres Alter feststellte und überdies herausfand, dass Lochsteine - sofern sie nicht im Zuge einer späteren Sekundärnutzung versetzt wurden - häufig über Erdställen stehen. Wobei die gedachte Längsachse des Lochs den Verlauf des darunter liegenden Ganges zu markieren scheint. Darüber, und um einige weitere spannende Fragen, soll es im folgenden Interview mit Herrn Kusch gehen.



Sehr geehrter Herr Kusch, mit Ihren beiden Büchern Tore zur Unterwelt (2009) und Versiegelte Unterwelt (2014) haben Sie frischen Wind in die Erdstall- und Lochstein-Forschung gebracht. Wie sind die Reaktionen in den Medien und der Fachwelt ausgefallen?
„Im Internet, in den Printmedien und Fachjournalen gab es in den letzten sieben Jahren für diese beiden Bücher über 800 sehr positive Rezensionen und eine hohe Anzahl (über 60) von bis zu acht Seiten langen Farbberichten, die in zahlreichen Zeitschriften aus Ländern wie Österreich, Schweiz, Deutschland, England, Italien, Australien, Türkei usw. publiziert wurden. Selbst die Zeitung Pravda (Russland) berichtete auf zwei Seiten über die Bücher. Das Thema selbst wurde mehrmals verfilmt. So prozuzierten ein italienisches, ein deutsches und drei österreichische Kamera-Teams (z.B. ServusTV, Petrus van der Let) Filme mit Längen von 45 bis 100 Minuten. Bei den Rundfunk- und Fernsehanstalten in Österreich und Deutschland gab es zahlreiche Live-Interviews im Rahmen von Radiosendungen und 12 Fernsehberichte beim ORF.
Was nun die wissenschaftliche Fachwelt betrifft, so sind die Reaktionen zu 99 Prozent positiv. Nur zwei Privatpersonen, keine Wissenschaftler, mit mangelhafter fachlicher Qualifikation glauben alles besser zu wissen. Kritik kann immer konstruktiv sein, aber nicht wenn versucht wird veraltetes Wissen durch ständiges Wiederholen, falsche Argumentation und mittels Lügen sattelfest zu machen. Die Wissenschaft muss frei im Denken sowie in ihren Handlungen sein und bleiben, sonst wird es keine neuen Erkenntnisse mehr geben! 
Wenn wir langjährig erarbeitete wissenschaftlich Resultate vorlegen, kann man diese zwar mit einer gezielt manipulierten Argumentationstechnik soweit verdrehen und verändern, dass die vorgebrachten Kritiken im ersten Moment schlüssig erscheinen. Jedoch können diese Skeptiker ihre kritischen Äußerungen weder beweisen noch unsere Fakten widerlegen. In den meisten Fällen hat man die Gegenargumente nur irgendwo abgeschrieben, verändert und an die kritisierte Situation angepasst. Werden jedoch bewusst und mit Vorsatz Textstellen manipulativ weggelassen oder umgeschrieben, hat dies mit Wissenschaft oder seriöser Kritik nichts mehr zu tun! Mit einer solchen Vorgangsweise wären wir wieder im tiefsten Mittelalter angelangt und nicht im 21. Jahrhundert.“ 

Einige Lochsteine befinden sich an Orten, die mir als Standort für den von der Fachwissenschaft bisher postulierten Verwendungszweck als Tor- bzw. Gattersteine reichlich ungeeignet erscheinen - siehe etwa das Beispiel auf dem obigen rechten Bild. Auch stellt sich die Frage, wieso ausgerechnet die steirische Landbevölkerung im Spätmittelalter/der frühen Neuzeit unzählige Steine zu primitiv anmutenden Torpfosten hätte umfunktionieren sollen, indem man in diese mühevoll Löcher bohrte, wenn doch gleichzeitig der deutlich leichter bearbeitbare und weitaus gebräuchlichere Baustoff  Holz zur Verfügung stand. Ist es nicht schon alleine deshalb sehr wahrscheinlich, dass hier in den meisten Fällen eher eine Sekundärnutzung bzw. ein Recycling prähistorischer Lochsteine vorliegt? Was war es, das Sie an der althergebrachten Lehrmeinung zum ersten Mal ernsthaft zweifeln ließ?
„Sie haben mit Ihrer Fragestellung völlig recht, denn manche Steinsetzungen befinden sich an Orten wie steilen Waldhängen oder am Böschungsrand oberhalb eines tiefen eingeschnittenen Hohlweges (siehe Ihr angeführtes Beispiel), wo ein Gatter- oder Torstein völlig nutzlos erscheint.
Aufmerksam gemacht auf diese steirischen Kulturdenkmale hat uns Herr Dr. Lothar Wanke (†) aus Graz, ein bekannter österreichischer Felsbild- und Megalith-Fachmann, mit dem wir auch gemeinsam einige Expeditionen zu Plätzen früher südasiatischer Megalithkulturen in Indien unternahmen. Durch viele ähnliche Reisen in Europa, Asien, Afrika und Mittelamerika, deren Zielsetzung die Erforschung tausender künstlicher unterirdischer Anlagen und Naturhöhlen war, lernten wir in den letzten vier Jahrzehnten die megalithischen Hinterlassenschaften der Menschheit auf vielen Kontinenten unserer Erde zu schätzen. Aufgrund dieser langen internationalen Tätigkeit als Wissenschaftler konnte ich mir nicht nur ein praktisches sondern auch ein theoretisches Grundwissen aneignen, mit dem ich heute in der Lage bin archäologisch interessante Plätze leicht im Gelände zu erkennen.
Als ich dann das erste Mal selbst vor einem „alten“ Lochstein in einem Waldgebiet stand faszinierte mich gleich die Patina des Steines, die auf ein hohes Alter hindeutete. Dies veranlasste uns in der Folge solche Steine im Gelände zu suchen, zu fotografieren, zu kartographieren und zu vermessen. Was mich und meine Frau in den Bann zog war die überaus große Anzahl dieser prähistorischen Steinsetzungen im Raum nördlich von Hartberg.

Teile der Steiermark sollen Ihrer Meinung nach seit dem späten Jungpaläolithikum mit Lochsteinen geradezu übersät gewesen sein - was wohl auch als Grund dafür angenommen werden kann, warum sie sich für Bauern über Jahrhunderte zur Sekundärnutzung anboten. Trotz fortschreitender Zerstörung durch Mensch und Natur stehen auch heute noch etliche dieser Objekte in der Landschaft herum. Wie viele sind es ungefähr? Und kümmert sich die offiziellen Denkmalschützer um ihren Erhalt?
„Wir konnten bisher gemeinsam mit interessierten Personen aus der einheimischen Bevölkerung sowie vier Studenten der Karl-Franzens-Universität Graz in der Oststeiermark weit über 550 Lochsteine und Menhire aufnehmen und registrieren. In der Weststeiermark sind derzeit noch zusätzlich an die 40 Stück bekannt. Allerdings wurde dieses Gebiet von uns noch nicht umfassend bearbeitet. Es werden jährlich neue unbekannte Steinsetzungen gemeldet und von uns aufgenommen. Auch von ehemaligen, heute aber zerstörten Steinkreisen berichtet man uns. Wie Sie richtig erwähnen, wurden und werden fortwährend alte Lochsteine von den Besitzern entfernt, weil sie einfach keine Funktion mehr haben und den landwirtschaftlichen Maschinen im Wege stehen. Wir schätzen, dass es allein in der Oststeiermark einst zwischen 1.000 und 2.000  solche Steinsetzungen gab, wenn nicht wesentlich mehr. 
Für den Denkmalschutz stammen diese megalithischen Monumente aus dem Mittelalter und der Neuzeit. In diesen Zeiträumen standen sie als Tor- oder Gattersteine (für Absperrungen), als Richtsteine, Grenzsteine u.v.a.m. in Verwendung - was ja auch stimmt. Nur ist diese Art der Verwendung eine „Sekundärnutzung“ von bereits vorhandenen prähistorischen Steinsetzungen!
Obwohl bei vielen Gehöften Lochsteine vorzufinden sind, hat dieses Phänomen mit den mittelalterlichen Siedlungen alleine rein gar nichts zu tun. Denn im Mittelalter war gerade das betreffende Gebiet spärlich besiedelt. Aus einer frühmittelalterlichen Verkaufsurkunde wissen wir, dass in dieser weitflächigen Region zu dieser Zeit gerade einmal 10 Huben (Gutshöfe) bekannt waren. Erst in der Neuzeit entstanden über 80 Prozent der heute bekannten Gehöfte. Und warum sollten sich die Besitzer steinerne Torpfosten aus weit entfernten Steinbrüchen aus dem Fels meißeln und diese teils tonnenschweren Steine dann über viele Kilometer hinweg auf schlechten oder gar keinen Wegen transportieren, wenn sie dies, wie Sie es ja bereits vorher erwähnt haben, mit Holz, das vor Ihrer Haustüre vorhanden war, wesentlich leichter und schneller bewerkstelligen konnten?“

In einer Ihrer Publikationen schreiben Sie, dass die Aufstellungsorte von Lochsteinen für die Kirche heidnische Kultplätze waren und deshalb in etlichen Fällen, ganz im Sinne des Kirchenvaters Augustinus, 'christianisiert' bzw. umgeweiht wurden; etwa indem man auf den Steinen christliche Symbole anbrachte oder sie gleich ganz entfernte. Überdies wurden an den so 'gereinigten' Orten Holzkreuze (Marterl), Kapellen oder Bildstöcke errichtet. Da nun aber Lochsteine einst Gangsysteme/Erdställe markierten, würde dies bedeuten, dass heute ein Gutteil der christlichen Nachfolgebauten ebenfalls auf deren verborgene Existenz im Untergrund hinweist. Als Beleg führen Sie beispielsweise zwei oststeirische Bildstöcke an, die aufgrund darunter liegender Hohlräume langsam im Erdreich versinken (siehe die beiden nachfolgenden Bilder). Gibt es weitere Hinweise, die Ihre Theorie untermauern?

Links: Schräg stehende Kapelle am Kalvarienberg bei Miesenbach. Bei der Verleung einer Stromleitung brach ein Bagger vor dem Bauwerk in einen Felsgang ein, der unterhalb in den Berghang führt. Die Stelle wurde wieder verfüllt, doch seit dieserZeit kippt die Kapelle schräg nach vor, weil das Schüttmaterial langsam in den Gang nachrutscht. Rechts: Schräg eingesunkene Kapelle bei Schachen, unter der sich ebenfalls ein Hohlraum befinden dürfte, dessen Deckenteil nachgegeben hat. In 15 Metern Entfernung steht ein Lochstein, dessen Loch genau auf die Kapelle ausgerichtet ist. | Abbildung: aus Versiegelte Unterwelt (2014) - (C) Heinrich Kusch / Verlag V. F. Sammler | Bearbeitung: HILTIBOLD.Blogspot.com
„Es gibt relativ viele Beispiele in der Literatur, die auf unterirdische Anlagen unter Kirchen, Kapellen, Schlössern und Burgen hinweisen. Dieses Phänomen ist in ganz Europa verbreitet. Die besten Informanten - nach einigen wenigen Wissenden in der Kirche - sind die Grundbesitzer bzw. die bäuerliche Bevölkerung, die in ihrem Erinnerungsschatz ein tradiertes Wissen bewahrt hat, das erstaunlich und nicht zu unterschätzen ist. Einheimische machten uns in vielen Regionen darauf aufmerksam, dass die Lochsteine Hinweise auf unterirdische Gänge oder deren Verlauf sein sollen. Dies hat sich vielfach bewahrheitet, weil bei jenen Gehöften, wo Steine vor den Häusern stehen, sich drunter meistens auch unterirdische Anlagen befinden oder befanden (in einigen Fällen wurden sie zwischenzeitlich zugeschüttet). Wir haben das in unseren beiden Büchern auch entsprechend dokumentiert. Nur stammen diese unterirdischen Anlagen auf keinem Fall aus dem Mittelalter oder der Neuzeit, sondern sind älter! Die heute existierenden Häuser, Kirchengebäude oder Burgen wurden einst auf sie draufgesetzt. Im Klartext bedeutet dies, dass Lochsteine, Menhire und unterirdische Anlagen bereits davor da waren. Manchmal wurde beim Bau der jeweiligen Gebäude ein unterirdischer Gang oder eine Kammer durch Zufall angeschnitten, wie es auch beim heutigen Hausbau in unseren Regionen immer noch passiert. Die Steinsetzungen wurden je nach Lage entweder „in situ“ belassen oder versetzt.
Hinzu kommt, dass sich europaweit in Märchen, Hausgeschichten und Sagen auf solche Orte konkrete Hinweise finden, die in vielen Fällen einen realen Hintergrund besitzen. Hier haben wir es mit einem Jahrhunderte bzw. Jahrtausende alten tradierten Wissen zu tun, das natürlich vielfach umgeschrieben wurde, aber immer auch ein Körnchen Wahrheit beinhaltet! Nicht umsonst werden Lochsteine in einigen Regionen von der Bevölkerung als „Torhüter“ bezeichnet, die den „Zugang von der Oberwelt in die Unterwelt“ bewachen sollen. Damit sind die unterirdischen Anlagen gemeint.“

Lochsteine und Erdställe findet man nicht nur in der Steiermark bzw. Österreich, sondern auch anderenorts in Europa. Könnte es sich hierbei um die Überreste einer locker zusammenhängenden Gruppe von Menschen mit gemeinsamen Glaubensvorstellungen handeln - ähnlich den späteren Kelten? Wäre es zu weit gegriffen, gar von von einer Art Lochstein- oder Erdstall-Kultur zu sprechen?
„Sie haben recht, wenn Sie schreiben, dass man „Erdställe“ eigentlich weit verbreitet in Europa vorfindet. Nur würde ich sagen, dass diese Bezeichnung - abgeleitet von einem Begriff aus dem 15. Jahrhundert (1449): „Stelle unter der Erde“ - nicht ganz stimmt, denn eigentlich sind es „Unterirdische Anlagen“ in unterschiedlicher Ausführung.  Aus der katholische Kirche erhielten wir den Hinweis, dass sie im Hochmittelalter als „Schratteln“ bezeichnet worden sind. Das Wort kommt aus dem Tschechischen und wird vom Begriff „sraz“ hergeleitet - was soviel wie „Abgang“ bedeutet. Zwergen- oder Schratzllöcher sind uns gut bekannte Bezeichnungen, denn sie werden in Sagen aus Österreich, der Schweiz und Deutschland häufig verwendet. 
Nun verfügen wir durch unsere Datierungen erstmals über den Nachweis, dass die Erdställe prähistorischen Ursprungs sind. Bereits Jahrzehnte davor haben Erdstallforscher darauf hingewiesen, dass dies so sein könnte, weil hunderte archäologische Fundstücke wie Steinbeile, Silexklingen, Webstuhlgewichte, Steinkugeln u.v.a.m., die dem Neolithikum (= Jungsteinzeit) zuzurechnen sind, in vielen unterirdischen Anlagen bereits im vorigen Jahrhundert entdeckt wurden. Da aber im Rahmen von Altgrabungen diese Funde meist in Verfüllungen festgestellt werden konnten und diese stratigraphisch nicht zuweisbar waren bzw. nachbearbeitet wurden, hat man sie zwar manchmal publiziert, jedoch in der Folge ganz einfach ignoriert. Dies hätte bei einer gut durchgeführten wissenschaftlichen Recherche sofort auffallen müssen. 
Bedauerlicherweise wird heute immer noch die längst überholte Annahme verbreitet, dass alle Erdställe im Mittelalter errichtet worden sind. Diese gebetsmühlenartig wiederholte Behauptung ist weder durch mittelalterliche Dokumente noch durch andere wissenschaftliche Beweise belegt! So geben die durchgeführten 14C-Datierungen von entdeckten Holzkohlestücken nur jenen Zeitraum an in dem die Holzkohle - unter welchen Umständen auch immer (Mensch, Tier, Wetter) - in den Erdstall hinein gelangte, nicht mehr! Solche Datierungen lassen in keiner Weise Rückschlüsse auf Grabungstätigkeiten zu und sind noch lange kein definitiver Beweis, der die Errichtung dieser unterirdischen Anlagen zu einem bestimmten Zeitraum bestätigt!
Auch wir können nichts über das genaue Entstehungszeitalter dieser Hohlräume aussagen, außer dass viele der von uns untersuchten Beispiele in der Prähistorie aus dem Fels geschlagen wurden. Wer diese Erbauer waren und ob sie einer uns heute noch unbekannten steinzeitlichen Kultur angehörten, die durch die Überreste megalithischer Denkmale in Europa präsent ist, wäre beim aktuellen Forschungsstand reine Spekulation. Ich persönlich finde, dass man für alle Fragen offen sein sollte, denn die Wirklichkeit könnte vielleicht alles übertreffen was wir uns vorstellen können.“

Steirische Lochsteine sowie weitere Menhire wurden von Ihnen mittels TCN datiert. Die dabei erzielten Ergebnisse stehen seit einigen Jahren von der Forschung unwiderlegt im Raum. Könnten Sie kurz erläutern, um was es sich bei TCN-Methode, die den meisten Lesern nicht geläufig sein dürfte, handelt? 
„Bei der naturwissenschaftlichen Datierungsmethode TCN (Terrestrial Cosmogenic Nuklides) besteht die Möglichkeit quarzhältiges Gestein auf ein Richtwert-Alter hin zu untersuchen. Etwa wann das Gestein zum ersten Mal dem Sonnenlicht (Isotopenstrahlung) ausgesetzt worden ist oder wann es der Sonne nicht mehr ausgesetzt war (siehe Beispiel in nächster Frage). Die erste Anwendungsart nennt sich „Exposure Age“ (Oberflächenalter), bei der die Nutzung der Produktion von kosmogenen Nukliden nachgewiesen wird; die zweite nennt sich „Burial Age / Burial-dating“, die den Zerfall von radioaktiven kosmogenen Nukliden im Gestein aufzeigt. Es wird je nach Datierungsart die Kristallstruktur vom Quarz gemessen, in der eine Veränderung stattgefunden hat. Dabei kommt es zur Bildung oder Rückbildung von Aluminium- (26Al) und Berylium- (10Be) Atomen im Quarzgestein. In einem aufwendigen Verfahren werden diese Atome in reinstem Quarz mittels eines Teilchenbeschleunigers gemessen. Dieses Resultat kann dann mit Berücksichtigung der vorgeschriebenen Basisdaten zur Berechnung des Alters herangezogen werden.“

Sie haben die Beprobung der Lochsteine nicht in Eigenregie durchgeführt, sondern sich dabei eng mit einem Team von Experten abgesprochen, das Sie beispielsweise bei der Auswahl geeigneter Objekte für die TCN-Datierung beriet. Wie darf man sich diese Zusammenarbeit konkret vorstellen?
„Wir wurden schon vor mehr als einem Jahrzehnt mit der TCN-Datierung konfrontiert als wir mit in- und ausländischen Geologen in Höhlen des mittleren Murtales in der Steiermark Quarzgerölle bargen, die in der Vergangenheit durch Wässer in Naturhöhlen des mittelsteirischen Karstes eingelagert worden waren. Diese Gerölle wurden mit der TCN-Methode datiert um den Einlagerungszeitraum mittels „Burial-dating“, also das „Bestattungszeitalter“ der Quarzgeschiebe, ermitteln zu können. So war es möglich einen Richtwert zu bekommen wann diese Gerölle in die Höhle gelangt sind. Es war ein Forschungsprojekt, das die Erdwissenschaftler und Geologen der Universität Graz und der Universität in Glasgow (Schottland) im Rahmen einer Dissertation gemeinsam durchführten. Meine Frau und ich unterstützen diese Arbeit, weil wir in den dafür vorgesehenen Naturhöhlen jene Stellen kannten, wo Quarzgerölle an den Wänden oder den Deckenteilen vor Jahrhunderttausenden bzw. Jahrmillionen festgesintert waren. 
In der Folgezeit informierten wir uns in internationalen Fachzeitschriften, in denen von Archäologen berichtet wurde, die die TCN-Methode für Ihre Fragestellungen und Untersuchungen in den letzten beiden Jahrzehnten einsetzten. Dies brachte uns auf die Idee, diese Methode auch bei unseren prähistorischen Steinsetzungen und alten unterirdischen Steinbauten anzuwenden (weil diese ja aus quarzhaltigem Gestein errichtet wurden). Nach einer umfangreichen Planung mit Fachleuten gelang es ein speziell auf unsere Anforderungen zugeschnittenes Forschungsprojekt vorzubereiten und zu finanzieren. Dann mussten die für eine Datierung in Frage kommenden archäologischen Objekte ausgesucht und schließlich die Proben fachgerecht entnommen werden. Die Abläufe wurden von einem professionellen Filmteam begleitet, um sie - von der Probenentnahme bis hin zur Auswertung in den Universitätslabors - zu dokumentieren. Wir wussten damals noch nicht wie die Resultate der Datierung aussehen würden, waren dann aber doch einigermaßen überrascht. Durch nachfolgenden Untersuchungen konnten die Ergebnisse allerdings bestätigt werden.
Bei diesen Probenserien wurden nur die vom Menschen bearbeiteten Oberflächen der Steine beprobt; um eine Vergleichsbasis zu bekommen außerdem noch zwei unbearbeitete Felsoberflächen aus der näheren Umgebung. Die Endauswertungen (Datierungen) erfolgten nach entsprechender Aufbereitung der Steinproben in den Labors der Purdue-University in Indiana (USA). Die zweite Datierungserie wurde an der Lomonossow-Universität in Moskau (Russland) und die dritte Serie über das Scottish Universities Environmental Research Centre an der Universität in Glasgow (Schottland) durchgeführt.
Derzeit wird von uns in einem neuen Forschungsprojekt eine sehr aufwendige vierte Datierungsserie mit über 20 Proben von Lochsteinen, Menhiren, Abdeckplatten, unterirdischen Gängen und auch unbearbeiteten Gesteinsoberflächen (als erweiterte Vergleichsbasis) durchgeführt; finanziert wird dies dankenswerterweise vom Fürstentum Lichtenstein.“

Im Fall eines von Ihnen in Sommersgut/Vorau datierten Lochsteins (siehe die nachfolgenden Abbildungen) ergab sich ein Bearbeitungsalter/Exposure Age von knapp 14000 Jahren. Damit stammt das Objekt aus dem Jungpaläolithikum bzw. Magdalénien. Könnte es sich dabei theoretisch nicht auch um einen Findling handeln, der vor 14000 Jahren von einem schmelzenden Gletscher freigegeben bzw.  erstmals dem Sonnenlicht ausgesetzt wurde, und den erst viel später - möglicherweise im Mittelalter - Menschen in einen Lochstein/Gatterstein umgestalteten? 
„Das Wort „Findling“ setzt immer voraus, dass es sich wirklich um einen Findling handelt! Wie Sie richtig bemerken, werden so Steine bezeichnet, die ein abgeschmolzener Gletscher freigibt, nachdem sie oft über Jahrtausende von dessen Eismassen bedeckt und umgelagert worden sind. Dies trifft jedoch bei allen unseren Menhiren und Lochsteinen in der Nordoststeiermark nicht zu, weil sich diese in einer Region befinden, die während der letzten Eiszeit geologisch nachweisbar von keinem Gletscher bedeckt war! Also kann es im weiteren Umfeld von Vorau auch keine „Findlinge“ aus der letzten Eiszeit geben, wohl aber möglicherweise Findlinge einer vorangegangenen früheren Eiszeit! Vergleiche mit anderen Gebietsabschnitten wären in einem solchen Fall nicht zulässig, weil die geographisch-klimatologischen Voraussetzungen zur damaligen Zeit sehr unterschiedlich waren. Die Eisgrenze der letzten Kaltzeit befand sich damals rund 100 km Luftlinie weiter nordwestlich im Hochgebirge - und nicht bei Vorau.   
Das „Exposure Age“ des betreffenden Lochsteines wurde vom wissenschaftlichen Labor der Purdue-Universität (USA) korrekt ermittelt und ist ein Richtwert für ein Mindestalter eines vom Menschen bearbeiteten Steines! Bearbeitete Steinplatten wittern nicht aus dem Fels aus, sondern wurden von uns unbekannten Menschen aus tieferen Schichten eines fest anstehenden Gestein in einem Steinbruch gebrochen und dann nachbearbeitet. Unser datierter Lochstein muss irgendwo im Raum Vorau bei einem derzeit noch unbekannten prähistorischen Steinbruch aus dem massiven Fels gebrochen worden sein. Anders ist sein relativ junges geologisches Alter (14.000 Jahre vor heute) nicht erklärbar. Und warum sollen Menschen vor rund 10.000 bis 14.000 Jahren Steine brechen und diese dann einfach im Gelände liegen lassen? Etwa damit später die bäuerliche Bevölkerung daraus Lochsteine oder Überdeckplatten herstellen kann? Solche Überlegungen widersprechen jeder vernünftigen Denkweise.
Bei Erdstallanlagen können wir beispielsweise beweisen, dass die bearbeiteten und von uns datierten Deckplatten genau an und in die gemauerten Steingänge angepasst worden sind! Allein bei drei Anlagen bekamen wir Auswertungen zwischen 10.000 und 11.000 Jahren vor heute. Außerdem haben wir uns durch zwei TCN-Datierungen von neutralen Felsoberflächen aus der näheren Umgebung dieses Lochsteines abgesichert. Diese beiden Resultate weisen ein Alter von über 50.000 bzw. 55.000 Jahre auf! Das würde bedeuten, wenn unser datierter Lochstein z. B. im Mittelalter von Menschen in einem Bachbett, an einem Hang oder im Gelände geborgen und danach bearbeitet worden wäre, dass er ein Mindestalter von über 50.000 – 55.000 Jahre haben oder noch älter sein müsste - und nicht knapp 14.000 Jahre vor heute. Denn die Sonneneinstrahlung durchdringt jeden an bzw. knapp unter der Oberfläche liegenden Stein und lässt ihn entsprechend altern und auch verwittern. Allein das beweist unwiderruflich, dass die Möglichkeit der Fertigung im Mittelalter bei unserem datierten Lochstein nicht zutrifft! Sehr wohl kann aber der Stein im Mittelalter oder in der Neuzeit, durch den Menschen wieder neu aufgestellt oder versetzt worden sein (Sekundärnutzung).
Hinzu kommt, dass man in Westeuropa im Rahmen von archäologischen Ausgrabungen bei megalithischen Kulturdenkmalen ein Mindestalter von weit über 7.500 Jahre vor heute durch die Datierung von archäologischem Fundmaterial (Bestattung / Grabbeigaben) aus dem Neolithikum (= Jungsteinzeit) feststellen konnte. Das heißt, dass in Europa Steinsetzungen von Megalithkulturen nachweisbar dem prähistorischen Zeitraum - derzeit noch „Unbestimmter Zeitstellung“ - angehören und nicht dem Mittelalter! Dies trifft auch auf mehrere unterirdischen Anlagen in der Umgebung von Vorau zu, die in der Vergangenheit mit künstlich errichteten (und mittels TCN datierbaren) Trockenmauergängen vor bzw. in diesen Anlagen versehen worden sind.“ 

Links: Auswertung der laut TCN-Datierung in Frage kommenden Zeitebene, in welcher der Lochstein bearbeitet und vermutlich auch aufgestellt wurde. Rechts: Mit Kamera dokumentierte Probeentnahme an einem Lochstein in Sommersgut (Gemeinde Vorau). | Abbildungen: aus Versiegelte Unterwelt (2014) - (C) Heinrich Kusch / Verlag V. F. Sammler | Bearbeitung: HILTIBOLD.Blogspot.com

Detaillierter Computerausdruck der TCN-Datierung des in Sommersgut (Gemeinde Vorau) stehenden Lochsteins. Demnach wurde dieser vor 13 953 Jahren (± 333 Jahre) bzw. dem Jungpaläolithikum von Menschenhand gebrochen, bearbeitet und aufgestellt. | Abbildung: aus Versiegelte Unterwelt (2014) - (C) Heinrich Kusch / Verlag V. F. Sammler | Bearbeitung: HILTIBOLD.Blogspot.com

Ist ein drittes Buch geplant, in dem die jüngeren Forschungsergebnisse einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden.
„Wir arbeiten gerade an zwei neuen Sachbildbänden mit interessanten Inhalten.“

Vielen Dank, Herr Kusch, dass Sie meinen Lesern und mir so bereitwillig Auskunft gegeben haben. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrer weiteren Forschungsarbeit.

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Weiterführende Literatur:

Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

Donnerstag, 22. September 2016

Krimskrams: Karolingerzeitl​iche Mauertechnik -- Ottonen-Darstellung -- Verdächtiger Buch-Aufkleber

Ottonen-Darstellung: Aller Anfang ist schwer

Anhand der Zugriffsstatistik dieses Blogs sehe ich, dass sich die Beiträge über meine ottonische (wikingerzeitliche) Kleidung recht großer Beliebtheit erfreuen. Dementsprechend erhalte ich auch immer wieder Anfragen, etwa in der Art, ob ich nicht gute Bücher kenne, in denen man sich über Kleidung, Ausrüstung und sonstige Alltagsgegenstände des 10. Jahrhunderts näher informieren kann. 
Doch leider, spezielle Bücher sind mir dazu nicht bekannt. Als ich selbst mit Living History begonnen habe, stellte ich rasch fest, dass es keinen Ottonen-Leitfaden in Buchform gibt - anders als etwa für die z.T. zeitgleich angesiedelten Wikinger.
Durch Zufall stieß ich allerdings im Internet auf das sehr gute Ottonik-PDF von Gerald Uhl. Ohne seine Recherche wäre ich damals ziemlich aufgeschmissen gewesen. Auch das Blog Ottonenzeit war mir eine große Einstiegshilfe.

Wenn man das Living-History-Hobby länger betreibt und tiefer in die Materie vordringt, gelangt man zu der Erkenntnis, dass es sinnvoll ist, sich bei der Recherche auf mehr als nur ein bestimmtes Jahrhundert zu konzentrieren. So sollte man als Ottonen-Darsteller des 10. Jahrhunderts auch zu den zeitlich benachbarten Karolingern seine Fühler auszustrecken (und umgekehrt). Ja, mir war es sogar schon mehrfach von Nutzen, dass ich relativ gut mit den römischen Quellen vertraut bin. Ein einfaches Beispiel dazu: Wenn Tacitus schreibt, dass Germaninnen des 1. Jahrhunderts gerne ihre Leinenkleidung färbten - und auch Einhard im 9. Jahrhundert von gefärbter Leinenkleidung als fränkischem Trachtenbestandteil berichtet - dann kann man getrost davon ausgehen, dass auch im 10. Jahrhundert diese offensichtlich uralte Tradition fortgesetzt wurde; selbst wenn es für diese Zeit an entsprechenden Quellen mangelt.

Daher mein Ratschlag: Egal ob eine Darstellung als Merowinger, Karolinger oder Ottone geplant ist - besorgt euch Literatur zum gesamten Frühmittelalter; dazu zählt selbstverständlich auch die Wikingerzeit. Gerade bei der Kleidung gibt es hier viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Und nur durch einen guten Überblick ist man in der Lage, Lücken in der Überlieferung zu seinem 'eigenen' Jahrhundert halbwegs kompetent zu füllen. 

Einiges an entsprechender Literatur findet man auch in der PDF- und in der Buch-Rubrik dieses Blogs (sehr zu empfehlen sind die als Tipps markierten Hefte von Andreas Strassmeier). Wobei ich aber davon abrate, nur eine einzige Quelle heranzuziehen, bloß weil dort vielleicht alles besonders schön vorgekaut wurde. Kein Autor ist nämlich vor kleineren Irrtümern und Auslassungen gefeit. 

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Buch: Karolingerzeitl​iche Mauertechnik 

Bei Amazon bin ich kürzlich auf eine Buch-Neuerscheinung gestoßen, die den Titel Karolingerzeitliche Mauertechnik in Deutschland und in der Schweiz trägt (Infos bei Amazon).
Bei einem Preis von 50 Euronen überlege ich mir allerdings zweimal, ob der Kauf lohnt. Na ja, eventuell zu Weihnachten, denn zurzeit hätte ich dafür sowieso keine Zeit, da ich mich im kommenden Herbst endlich in ein Thema näher einlesen möchte, dass mich eigentlich schon seit etlichen Jahren interessiert: Den Dreißigjährigen Krieg. Beginnen werde ich mit den Biografien von Wallenstein und Tilly, da die erste Kriegshälfte, in der diese beiden Protagonisten auftraten, wohl die spannendere war.

Aber um noch einmal zum Karolinger-Buch zurückzukommen: Besonders die Verantwortlichen des Campus Galli sollten einen Erwerb dringend in Betracht ziehen, denn dort wird ja bekanntlich die Meinung vertreten, dass heute niemand mehr weiß, wie im Mittelalter gebaut wurde :)

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Verdächtiger Buch-Aufkleber



Ja was ist denn da los (Bild)? Auf der Rückseite des kürzlich von mir erworbenen Buches Die Phönizier (Infos bei Amazon) befand sich ein Preisschild, das mir verdächtig vorkam. Und tatsächlich, beim herunterkratzen des nur sehr schwer entfernbaren Aufkleber stellte sich heraus, dass er einen um 1,05 Euro günstiger ausgezeichneten Preis verdeckt hatte. Wurde demnach das 2008 erschienene Buch nachträglich um gut 12 Prozent verteuert? Sollte es im Laufe der Zeit, sobald die Buchpreisbindung ausläuft, nicht eher etwas günstiger werden? Oder handelt es sich um eine 'Inflationsanpassung', die nötig wurde, weil die Margen von Anfang an extrem knapp kalkuliert waren? ^^
Übrigens, hier in Österreich darf man aufgrund eines höheren Mehrwertsteuersatzes zurzeit ohnehin 9,20 Euro für das Buch berappen - auch wenn man bei Amazon in Deutschland bestellt. 

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Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

Dienstag, 20. September 2016

Hörbares: Ötzi -- Mumien in Europa -- Die Jesiden -- Landwirtschaft im Wandel



Ötzi - Die Gletschermumie vom Similaun | Spieldauer 22 Minuten | BR | Direkter Download

Mumien in Europa - Unerhörte Zeitzeugen im Labor | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & InfoDirekter Download

Der Goldene Pflug - Landwirtschaft im Wandel | Spieldauer 12 Minuten | BR | Stream & Info, Direkter Download

Die Jesiden - Das Volk des Engel Pfau | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info, Direkter Download

Montag, 19. September 2016

Video: Die Hüter verlorener Schätze

Eine 30minütige Doku über archäologische Denkmäler und ihre Erforscher, die beide in Afghanistan, Syrien und Nordafrika dem Krieg und islamischer Bilderstürmerei zum Opfer fallen: Zum Video

Sonntag, 18. September 2016

Ein außergewöhnlicher Hobel aus dem Frühmittelalter

Bajuwarischer / frühmittelalterlicher Hobel, gefertigt aus einem Stück Hirschgeweih
Links zum Bild in hoher Auflösung bei Flickr und Pinterest
Keine Rechte vorbehalten, doch um die Nennung der Quelle wird gebeten: HILTIBOLD.Blogspot.com

Holz war im Frühmittelalter ein sehr wichtiger Werkstoff, der jedoch wie andere organische Materialien aufgrund seiner vergleichsweise geringen Beständigkeit kaum im archäologischen Fundgut in Erscheinung tritt. Doch es gibt Ausnahmen, wie etwa das bekannte alamannische Gräberfeld von Oberflacht, wo aufgrund spezieller Bodenbedinungen Objekte aus Holz in großer Anzahl erhalten blieben.
Obiger Hobel wiederum - der ein wenig an einen modernen Handstaubsauger erinnert - stammt aus dem frühbajuwarischen Gräberfeld von Straubing und datiert in das 6. Jahrhundert. Er befand sich als Beigabe im Grab eines Mannes, der möglicherweise Tischler/Schreiner war. Mit absoluter Sicherheit kann den Beruf anhand einer Beigabe heute allerdings niemand mehr bestimmen. Der Grund hierfür: Man geht davon aus, dass die Holzerzeugnisse der hauptsächlich bäuerlichen Bevölkerung im Haushandwerk hergestellt wurden; besonders in den Wintermonaten, wenn die Feldarbeit ruhte, fand sich dafür die nötige Zeit. Allerdings deutet die Kunstfertigkeit einiger Objekte darauf hin, dass es (auch abseits adeliger und kirchlicher Zentren) Spezialisten gab, die Auftragsarbeiten von ihren Nachbarn bzw. den Dorfbewohnern annahmen. Ob der gegenständliche Hobel nun aber einem solchen Spezialisten - oder vielleicht doch einem Dilettanten - gehörte, bleibt ungewiss. Das Besondere an diesem Werkzeug ist jedoch, dass es überwiegend aus Hirschgeweih gefertigt wurde.


Detaillierte Beschreibung des Hobels 

Gräberfeld von Straubing, Grab 702: [...] Hobel mit Bolzen-Keil-Widerlager, Hirschhorn, Eisen und Holz, massiver Hobelkörper aus einem Stück Geweih, hinter der Klinge einziehend mit durchbrochenem henkelartigem Griff, Oberfläche stellenweise etwas verwittert. Unverziert, jedoch auf einer Seite zwischen Bolzen und Griff schwach erkennbare Reste von eingeritzten Linien; ähnliche Ritzlinien auf der Sohle zwischen Maul und Griffende, hier durch die vom Gebrauch stammende politurartige Glättung noch weniger deutlich. Langrechteckiger Spankasten, in der Mitte das Bolzenwiderlager, durch die Wangen geführt und auf den Außenseiten nietartig verankert; zwischen Bolzen und Klinge Holzkeil, vollständig erhalten; Klinge trapezförmig zur Schneide breiter werdend, am oberen Ende massiv verstärkt; auf der Sohle vor und hinter dem Maul quer eingesetzte Bandeisen, seitlich hochgezogen und in den Wangen verankert. Gesamt-L 175 mm, B 45 mm, Korpus H 33 mm, Gew 227 g. Sohle L 164 mm, B 42 … 36 mm. Klinge L 79 mm, B an der Schneide 27 mm, am oberen Ende 21 mm, Schneidwinkel 34º. 

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Quellen:
  • Vorlage für die Zeichnung: Brigitte Haas-Gebhard | Die Baiuvaren: Archäologie und Geschichte | Verlag F. Pustet | 2016 | Meine Rezension | Infos bei Amazon
  • Beschreibender Text: Hans Geisler | Das frühbairische Gräberfeld Straubing-Bajuwarenstraße | Verlag Marie Leidorf | 1998 | PDF

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Donnerstag, 15. September 2016

Krimskrams: Living Historian -- Promovierter Schmähtandler marginalisiert Experimentalarchäologie der letzten 50 Jahre -- (Un-)Geschickt gendern

Living Historian

Auf dieses Bild bin ich in der Sommerpause beim Neuorganisieren meiner Festplatten gestoßen :)





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Promovierter Schmähtandler marginalisiert Experimentalarchäologie der letzten 50 Jahre

Schon lange wird hier eindringlich davor gewarnt, dass die in den Medien allzu präsente Mittelalterbaustelle Campus Galli die Maßstäbe für Experimentelle Archäologie in der öffentlichen Wahrnehmung Stück für Stück zum Schlechteren umdefiniert.
Ein anschauliches Beispiel dafür lieferte jüngst Hannes Napierala, promovierter Schmähtandler und Geschäftsführer des Campus Galli; am 8. September 2016 behauptete er in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung folgendes: 

"Niemand hat heute Erfahrung mit mittelalterlichem Bauen."

Eine kategorische Aussage, die hier selbst den Begriff 'Schwachsinn' als viel zu euphemistische Umschreibung erscheinen lässt. Der Wahrheitsgehalt entspricht in etwa Ulbrichts "niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten".
Hannes Napierala stellt es im Gespräch mit der SZ mir nichts, dir nichts so dar, als würden er und sein Team beim Bauen mit historischen Handwerksmethoden absolutes Neuland betreten. Ihm muss dabei klar sein, dass dies zwingend mit einer Zurücksetzung der Leistungen sämtlicher Experimentalarchäologen und Betreiber von Freilichtmuseen einhergeht, die in Europa teilweise schon vor etlichen Jahrzehnten mittelalterliche/frühgeschichtliche Gebäude auf Grundlage archäologischer Erkenntnissen rekonstruierten und alte Handwerkstechniken zu neuem Leben erweckten (Beispiel).

Beim Campus Galli herrscht offensichtlich die Meinung vor, dass durch das ständige Verallgemeinern der eigenen Unwissenheit das Projekt gegen Kritik immunisiert werden kann. Wenn man etwa suggeriert, alte Handwerkstechniken und Baumethoden müssten erst mühsam rekonstruiert werden (obwohl das anderenorts längst geschehen ist), dann lässt sich dies als kommode Ausrede für das außerordentlich lahme Arbeitstempo vorschieben, welches in Bezug auf den Campus Galli als typisch bezeichnet werden muss, jedoch selbst mittelalterliche Standards deutlich unterbieten dürfte.

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(Un-)Geschickt gendern

Als totaler Ober-Macho weigere ich mich selbstverständlich, das Binnen-I und ähnlichen Mumpitz in meinen Blogbeiträgen zu verwenden. Für stromlinienförmigere Menschen gibt es jedoch eine famose Internetseite, die Hilfe beim "Gendern" anbietet - ihr bezeichnender Name: geschicktgendern.de

Wobei von "geschickt" eigentlich keine Rede sein kann, denn man muss schon ein gewaltiges Brett vorm Kopf haben, um einigen der empfohlenen Sprachverrenkungen zu folgen: Es beinhaltet beispielsweise einen nicht geringen Bedeutungsunterschied, ob ich den Dekan für inkompetent halte oder das als sprachlichen Ersatz vorgeschlagene Dekanat.

Aus ideologischen Gründen wird hier billigend in Kauf genommen, dass es schwierig bis unmöglich ist, Texte auf Anhieb sinnerfassend zu lesen. Warum aber lässt man die Vertreter einer solchen spinnerten Ideologie mittlerweile selbst an Hochschulen gewähren, anstatt sie - bildlich gesprochen - mit einem nassen Fetzen davonzujagen? Womöglich wird demnächst auch die Astrologie wieder salonfähig? ^^

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Mittwoch, 14. September 2016

Videos: Das Geheimnis des Karlsgrabens -- Geschichten von Gnade und Grausamkeit -- Prähistorische Äcker bei Kleve entdeckt -- Ein Bauer im Dienst der Archäologie

Das Geheimnis des Karlsgrabens

Ein schöner, 3minütiger Bericht von den archäologischen Arbeiten am sogenannten Karlsgraben, mit dem Rhein und Donau bereits im Mittelalter verbunden werden sollten. Aufgrund der feuchten Bodenbedingungen konnten große Mengen an gut erhaltenen Holzfunden gemacht werden: Zum Video

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Geschichten von Gnade und Grausamkeit

In dieser 45minütigen Dokumentation besucht man verschiedene archäologische bzw. historisch interessante Schauplätze auf der Schwäbischen Alb: Zum Video

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Ein Bauer im Dienst der Archäologie

Ein 3minütiger Beitrag über den Bauern und Sondengänger Hans Behn, der seit den 1970er-Jahren als ehrenamtlicher Denkmalpfleger arbeitet.: Zum Video

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Prähistorische Äcker bei Kleve entdeckt

In diesem 5minütigen Beitrag dreht sich alles um sogenannte "Celtic Fields", die von Archäologen in Reichswald bei Kleve entdeckt wurden: Zum Video

Anmerkung:  "Celtic Fields" - ein schwer überflüssiger und irreführender Anglizismus. Von der Wortbedeutung her ist der Begriff in vielen Fällen unzutreffend, da man auch bronzezeitliche Äcker miteinschließt. Das scheint die deutschsprachigen Frühgeschichtler aber nicht übermäßig zu kratzen, auch wenn sich das Goethe-Institut noch so sehr über derlei Schmarrn ärgert.

Dienstag, 13. September 2016

Hörbares: Blanke Hintern an Kirchen -- Hermann Parzinger -- Piraterie in der Antike -- Römerpark Aliso -- Römische Religion in Köln -- Antike Medizin




Nicht alles mit zwei Backen ist ein Gesicht – Blanke Hintern an Kirchen und anderswo | Spieldauer 10 Minuten | Das geheime Kabinett | Stream & Info, Direkter Download

Gespräch mit dem Prähistoriker Hermann Parzinger | Spieldauer 34 Minuten | WDR | Stream & Info, Direkter Download

Von der Grabung zur Rekonstruktion: Römerpark Aliso | Spieldauer 5 Minuten | WDR | Stream & Info, Direkter Download
(Anmerkung: Die 'Rekonstruktion' besitzt diesem Foto nach zu urteilen super-authentische Betonfundamente... Es handelt sich also weniger um eine ernstzunehmende, wissenschaftliche Rekonstruktion, sondern vielmehr um eine Art Kulisse.)

Götter, Gaben, Heiligtümer: Römische Religion in Köln | Spieldauer 8 Minuten | WDR | Stream & Info, Direkter Download

Piraterie in der Antike - Adeliges Alltagsgeschäft | Spieldauer 15 Minuten | DF | Stream & InfoDirekter Download

Radiolexikon Gesundheit - Antike Medizin | Spieldauer 7 Minuten | DF | Stream & Info, Direkter Download

Sonntag, 11. September 2016

Antike Amphorenstempel mit Abfülldatum?



Amphoren waren in der Antike DIE Transportbehälter schlechthin und ca. vom 7. Jh. v. Chr. bis zum 6. Jh. n. Chr. in Gebrauch. Man füllte sie mit Öl, Wein, Getreide, Datteln, Fischsauce (Garum) usw. Die Formgebung unterschied sich je nach Herkunftsort und Zeit mehr oder weniger stark voneinander.
Häufig versah man Amphoren an der Oberseite ihrer Henkel (teilweise auch am Hals) mit einem Stempel; der enthielt in einigen Fällen ein Symbol, das auf den Herstellungsort hinwies: Z.B. im Fall von Rhodos eine Rose oder das mit Strahlen gekrönte Haupt des Sonnengottes Helios (Bild unten). Die wichtigsten Bestandteile vieler Stempel waren jedoch zwei Namen: Der eines lizenzierten Herstellers und der eines jährlich wechselnden Beamten. Letzterem wurde die griechischen Präposition epi beigefügt, was so viel bedeutet wie "zur Amtszeit des...". Es handelt sich dabei also um eine Art Datumsangabe, die bei rhodischen Amphoren mitunter sogar durch die Nennung des Monats ergänzt wurde.



Wozu das alles? Man weiß es nicht genau, doch könnte die Datumsangabe, besonders bei verderblicher Ware, einen ähnlichen Zweck wie auf modernen Lebensmittelverpackungen erfüllt haben; will hießen, das Datum gab einen groben Anhaltspunkt für die Frische des Inhalts. Was freilich voraussetzt, dass die Amphoren nicht allzu lange nach ihrer Herstellung befüllt wurden, denn man drückte den Stempel vor dem Brennen in den weichen Ton.
Eine andere mögliche Erklärung ist, dass aufgrund der Nennung des eponymen Beamten und des Herstellers im Nachhinein rasch ein Verantwortlicher gefunden werden konnte, falls die Amphorenabmessungen nicht den Vorgaben entsprachen. Was mir im Übrigen logischer als die erste Möglichkeit erscheint, denn gerade bei der Wiederverwendung von Amphoren - und das kam nachweislich vor - wäre eine fest eingeprägtes 'Abfülldatum' unsinnig und irreführend gewesen.

Abseits solcher Fragen lassen sich diese Datums- bzw. Namensangaben sehr gut zur chronologischen Einordnung archäologischer Strukturen heranziehen - sofern von den Herkunftsorten der Amphoren die entsprechenden Beamtenlisten erhalten sind und diese verlässlich in Übereinstimmung mit unserer modernen Zeitrechnung gebracht werden können. Als Beispiel sei hier die mittlere Stoa auf der Athener Agora genannt, in deren Fundamenten 1500 gestempelte Amphorenhenkel gefunden wurden. Durch sie konnte der lange umstrittene Baubeginn der Säulenhalle (147 x 17,5 m) auf 183/182 v. Chr. datiert werden. Im Übrigen diente dieses beeindruckende Gebäude aller Wahrscheinlichkeit nach einem recht profanen Zweck: Nämlich der Lagerung und dem Verkauf von Getreide. Die berühmten Peripatetiker waren hingegen in einer anderen athenischen Stoa unterwegs ;)

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Quellen / weiterführende Literatur:
  • Sergej Ju. Monachov | Rhodian Amphoras: Development in Form and Measurements | Centre of Black Sea Studies | PDF-Link
  • Balbina Bäbler | Archäologie und Chronologie | Wissenschaftliche Buchgesellschaft | 2012 | Infos bei Amazon

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Donnerstag, 8. September 2016

Krimskrams: Meine Urlaubsliteratur kurz besprochen -- Tassilo III.: Behumpst Amazon? -- Campus Galli und das akademische Arschgeweih

Meine Urlaubsliteratur kurz besprochen

Urlaubszeit ist Lesezeit - und so hatte ich mich auch dieses Jahr wieder mit den entsprechenden Büchern eingedeckt (siehe Foto), die hier nun kurz besprochen werden sollen. 

  • Odyssee: Ein echter Klassiker aus der Feder des antiken Schriftstellers Homer. Die vorliegende 454 Seiten umfassende Übersetzung stammt von Roland Hampe und wurde erstmals 1979 veröffentlicht. Leider ist sie sprachlich dermaßen angestaubt, dass ich jetzt noch huste. Nichtsdestotrotz wird es bestimmt einige Leser geben, die sich daran erfreuen können, wenn ein Übersetzer versucht, sich möglichst pingelig an den originalen griechischen Hexametern zu orientieren und das Ergebnis in ein 'antikisierendes' Deutsch einwickelt. Ich selbst werde nur bei Bedarf in diesem Buch nachschlagen, anstatt mich von vorne bis hinten durch die anstrengenden Wortkaskaden Hampes zu quälen. Im Übrigen wäre ein etwas umfangreicheres Register schön gewesen. Auch das Fehlen erklärender Endnoten ist bedauerlich; allerdings dürfte sich dieser Umstand positiv auf den Verkaufspreis ausgewirkt haben, der nämlich für ein Reclam-Buch von dieser Stärke relativ günstig ist. | Preis: 7 Euro | Infos bei Amazon

  • Anabasis: Der aus einer attischen 'Ritterfamilie' stammende Xenophon schildert in diesem Buch hauptsächlich den abenteuerlichen, von ihm selbst miterlebten Rückzug 10.000 griechischer Söldner nach der Schlacht bei Kunaxa (401 v. Chr). Dabei erfährt der Leser nicht nur einiges über das Heerwesen jener Tage, sondern auch manch Detail aus dem Lebensalltag der damaligen Bewohner Kleinasiens. Die immerhin bereits aus dem Jahr 1958 stammende, 284-seitige, einsprachige Übersetzung von Helmut Vretska liest sich überraschend angenehm; will heißen, es gibt keine 'archaisch' formulierten Endlossätze, wie das mindestens bis in die 1970er bei deutschen Übersetzungen antiker Texte häufig anzutreffen ist. Neben einem ordentlichen Register und einer durchaus nützlichen Landkarte wurden auch viele Endnoten angefügt. | Preis: 7,60 Euro | Infos bei Amazon

  • De viris illustribus / Biographien berühmter Männer: Der im 1. Jh. v. Chr. lebende römische Geschichtsschreiber Cornelius Nepos stellte in diesem Werk die Biographien 24 berühmter Männer der Antike zusammen (vor allem Griechen). Dabei handelt es sich um: Miltiades; Themistokles; Aristeides; Lysander; Pausanias; Kimon; Alkibiades; Thrasybulos; Konon; Dion; Iphikrates; Chabrias; Timotheos; Datames; Epaminondas; Pelopidas; Agesilaos; Eumenes; Phokion; De regibus (sehr kurze Anmerkungen zu einigen Monarchen); Timoleon; Hamilkar; Hannibal; M. Porcius Cato; T. Pomponius Atticus. Gekauft habe ich mir das Buch vor allem wegen dem letztgenannten Atticus, über den ich Näheres erfahren wollte, nachdem ich bereits vor einigen Wochen Ciceros Briefe an Atticus gelesen hatte. Die vorliegende zweisprachige Übersetzung stammt aus dem Jahr 1993, ist 456 Seiten lang und liest sich angenehm. Verantwortlich dafür zeichnen Peter Kraft und Felicitas Olef-Kraft | Preis: 11,80 Euro | Infos bei Amazon

  • Augustus, Tiberius, Claudius: Suetons z.T. etwas 'boulevardesk' anmutenden Kaiserbiographien (De vita Caesarum) gehören zu den wichtigsten antiken Quellen - vor allem über die frühe Kaiserzeit. Neben der Lebensbeschreibung von Gaius Julius Caesar umfassen sie auch jene von Augustus, Tiberius, Caligula, Claudius, Nero, Galba, Otho, Vitellius, Vespasian, Titus und Domitian. Ich besitze nun alle bisher bei Reclam bisher erschienen, zweisprachigen Übersetzungen dieser Reihe. Im November soll die Biographie Caligulas erscheinen; wann hingegen jene von Galba, Otho und Vitellius veröffentlicht werden ist mir nicht bekannt (ich vermute, man wird sie wegen ihrer Kürze gemeinsam in einem Buch zusammenfassen, so wie es schon bei den drei flavischen Kaisern gehandhabt wurde). Die Kaiserviten sind alle in einem modernen Schreibstil gehalten und stammen von unterschiedlichen Übersetzern. | Preise ca 5-7 Euro | Infos bei Amazon: Augustus, Tiberius, Claudius

  • Historien, 7. Buch: Herodots Geschichtswerk umfasst neun Bücher, die den Zeitraum von der mythischen Frühgeschichte Griechenlands bis zu den Perserkriegen bzw. der Regentschaft des persischen Großkönigs Xerxes abdecken (Übersicht). Das gegenständlichen 7. Buch reicht thematisch vom Tod des Perserkönigs Daraios I. bis zur berühmten Schlacht bei den Thermopylen. Reclam hat mit der Veröffentlichung der jeweils ca. 250 Seiten umfassenden, zweisprachigen Bücher bereits 2002 begonnen. Nach sage und schreibe 14 Jahren ist man jedoch gerade einmal beim 7. Teil angelangt. Eventuell resultiert die extreme Trägheit daraus, dass die Übersetzerin Christine Ley-Hutton die Arbeit an den Historien quasi als Nebenbeschäftigung betreibt. Doch zumindest an der Qualität der Arbeit gibt es meiner Ansicht nach nichts zu meckern: Der deutsche Text ist unprätentiös und viele erklärende Endnoten wurden beigefügt. | Preise 7,60 € | Infos bei Amazon

Anmerkung zum obigen Bild: Die neuen Cover für die Bücher aus Reclams Universalbibliothek gibt es nun schon seit einigen Jahren. Trotzdem werden parallel dazu immer noch Exemplare mit dem veralteten Cover verkauft. Sind die Lager des Verlages dermaßen voll damit? Ein dahingehender Verdacht beschleicht mich auch deshalb, weil die Seiten der von mir neu gekauften Reclam Bücher immer wieder an den Rändern bereits leicht verfärbt sind - was auf eine lange Lagerung hindeutet. Das wiederum finde ich sehr interessant, denn dass ein Verlag dermaßen auf Vorrat drucken lässt, hätte ich mir nicht gedacht.

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Die Biografie von Tassilo III: Behumpst Amazon?



Wie es aussieht, habe ich Amazon mit hoher Wahrscheinlichkeit bei der Manipulation der Lagerstandsanzeige ertappt: Dieser Tage erschien eine Biografie des unglückseligen Bayernherzogs Tassilo III. (Infos), die ich mir eigentlich im lokalen Buchhandel besorgen wollte. Dort gab es sie aber nicht - also bestellte ich bei Amazon, wo seit mehreren Tagen nur mehr ein einziges Exemplar als verfügbar angezeigt wurde. Doch jetzt kommts: Weder unmittelbar nach meiner Bestellung und auch nicht nach der Sendebestätigung änderte sich die angezeigte Verfügbarkeit im Amazon-Shop ^^
Wozu das alles? Nun ja, Amazon möchte wohl mit einem scheinbar knappen Warenangebot potentielle Kunden zu Spontankäufen animieren. Auch andere Online-Shops stehen im Verdacht, sich dieses Tricks zu bedienen. An sich ist mir diese Masche ja bekannt - und demnach müsste ich gegen sie gewappnet sein; das Problem ist nur, dass die Lagerstandsanzeigen bei Büchern gelegentlich doch zutreffen - und wenn man ein Buch unbedingt will, dann geht man eben auf Nummer sicher.

Die beiden oben abgebildeten Bücher, also die Tassilo-Biografie und "Die Phönizier", werde ich übrigens im Herbst noch einzeln und ausführlich besprechen.

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Campus Galli und das akademische Arschgeweih

Nicht zu Unrecht steht Österreich in dem fragwürdigen Ruf, ein Land von Titel-Verrückten zu sein. Und doch gibt es auch in Deutschland Habitate, in denen man dieser Unsitte hemmungslos frönt. Mit großem Amüsement stellen die Beobachter der Mittelalterbaustelle Campus Galli nämlich schon seit geraumer Zeit fest, dass dessen Geschäftsführer besonders von freundlich gesonnenen Lokalmedien in geradezu inflationärer Weise als "promovierter Archäozoologe" bezeichnet wird. Für den Inhalt des jeweiligen Artikels besitzt der penetrante Hinweis auf die Promotion freilich überhaupt keine Relevanz. Vielmehr dürfte es sich um ein verkapptes argumentum ad verecundiam (Autoritätsargument) handeln.

Nun schrieb jedoch ein bekannter deutscher Blogger in Bezug auf Akademiker mit Doktorhut, die in ihrem Orchideenfach (z.b. Archäozoologie) keinen Job finden, weil sie sehenden Auges an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes vorbeistudiert haben:
"Der Doktorgrad ist sowas wie das akademische Arschgeweih geworden: War mal schick, wollte jeder haben. Inzwischen peinlicher Deppenstempel."
;D

Apropos Campus Galli: Wie dessen Fandom tickt, kann man wieder einmal einer aktuellen Facebook-Diskussion entnehmen. Der Hinweis darauf, dass die Angestellten zu ihrem mittelalterlichen Gewand Turnschuhe tragen, wird mit dem Begriff "Korinthenkackerei" beantwortet: Klick mich

Eine Leserin, die mehrmals jährlich beim Campus Galli vorbeischaut meinte kürzlich sogar, der Campus Galli würde ihrer Einschätzung nach zunehmend "Grünmenschen und Esoteriker anziehen". Die Heuneburg lässt grüßen ;)

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